Roggen und Weizen
Übungsblätter
Das abgeerntete Kartoffelfeld
Ich besuchte nach langen Jahren einen alten Freund.
Er war von jeher von der ruhigen, vernünftigen
Göttin des Reichtums begünstigt gewesen. Umsomehr
befremdete es mich, ihn nun, wenn auch in unmittelbarer
Nähe einer Großstadt, in einem Dorf zu finden.
Er wohnte in dem winzigen Hause eines Handwerkers. Als
ich mich an der Haustür noch einmal nach außen
wendete, erblickte ich als einzige Aussicht ein ungeheures,
sich bis an den Horizont hinanziehendes abgeerntetes
Kartoffelfeld. Nur das verwelkte, vertrocknete, zertretene
Blatt lag zwischen der aufgewühlten braunen Erde.
Es war ein trostloser Anblick. Öde und traurig,
lebensmüde und verzweifelnd wollte es mich überkommen.
Ich trat ein. Mein Freund empfing
mich mit derselben Liebenswürdigkeit, wie ich es
seit jeher bei ihm gewohnt gewesen war. Auch seine Haltung,
seine Kleidung war»patent« wie immer.
»Aber wie ist es möglich,
daß Du Dich in diese Gegend verlieren konntest?
Du, der Ästhetiker, Du, der Du nur glaubtest, an
den oberitalischen Seen leben und sterben zu können,
Du wohnst hier im langweiligen kopfhängerischen
Norden. Und dazu, diese stete Aussicht.«
»Je nun, wir Menschen häuten
uns. Das Leben wurde mir widerlich. Da fand ich auf
einem Spaziergange dies Kartoffelfeld und mietete mir
die zufällig leer stehende Wohnung. Du glaubst
gar nicht, wie mich dies Kartoffelfeld beruhigt. Es
sagt mir immer und immer wieder, wie leer und hohl und
langweilig die Menschen sind. O, diese Schablonenmenschen.
Und nun diese köstliche Einsamkeit. Wie wohl das
tut.«
»Ich vermisse Deine vortrefflich
ausgewählte Bücherei, lieber Freund.«
»Unsinn, Unsinn. Ich kann
nur noch Goethe und Geschichte lesen. Und sonst halte
ich mir die zwei, drei guten Zeitschriften Deutschlands.«
»Nun, Du großer Liebhaber
der Poesie, liest Du keine Gedichte mehr?«
»Wie, was! Den Unsinn! Bleibe
mir doch mit dem ganzen Kram vom Halse. Es ist ja empörend,
welche Fülle von wässerigen Gedichten über
uns ausgegossen wird.«
»Verfolgst Du denn nicht
unsre neueste Literatur?«
»Soll ich etwa wie die vielen
Hunderttausend Nähmamsellen aller Stände »Fortsetzung
folgt« lesen? Pah, die sogenannte neueste Literatur.
Schwadroneure sind es; weiter nichts.«
»Ich kann Dir ganz und gar
nicht beistimmen. Wir leben in einer grade für
die Literatur höchst interessanten Zeit. Überall
gährt es, und wenn auch noch nicht der »große«
Dichter geboren ist, so . . .«
»Mir einfach widerlich, und
damit schließe ich mein Urteil. Heute herrscht
nur Gambrinus im skatkartenbesetzten Mantel, also die
Verständnislosigkeit und Mittelmäßigkeit
und Urteilslosigkeit . . .«
»Halt, halt. Ich folge Dir
nicht mehr. Aber gehst Du denn viel ins Theater? Jedenfalls.«
»Ins Theater? Dahin bringt
mich kein Mensch mehr.«
»Ja, womit vertreibst Du
Dir denn die Zeit? Liest Du Zeitungen?«
»Das sollte mir einfallen.
Dies ewige Parteigezänk.«
»Nun, was denn?«
»Das will ich Dir sagen:
Ich esse so gut wie irgend angänglich, trinke den
besten Wein und rauche vortreffliche Zigarren. Dann
mache ich lange Spaziergänge, um mir tüchtigen
Hunger zu schaffen, und schlafe dann vorzüglich.«
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Ich befand mich wieder unten an
der Haustür. Wie ist es möglich, daß
sich ein Mensch so verwandeln kann. Endlos, trostlos
dehnte sich das ungeheure Kartoffelfeld vor mir aus.
Ein feiner Staubregen rieselte herunter. Mich fröstelte.
Meine Seele war wie zugeschnürt. Breiteten sich
Arme vom Kartoffelfeld nach mir aus? Viele, viele Arme?
Friede, Friede.
Da klingelte eine Straßenbahn
vorbei, und ich fuhr in die große Stadt. Ins Leben,
ins Leben hinein. Im Hoftheater wurde die Posse »Kikiriki«
gegeben. Ich sah mir den Blödsinn an. Dann feierte
ich einige angenehme Stunden mit einer kleinen lustigen
Tänzerin. Einmal, während ich sie auf den
Knieen schaukelte, hob sie das Sektglas hoch: »Wer
soll leben?« In diesem Augenblick fühlte
ich einen Krampf im Herzen. Viele, viele graue Arme
breiteten sich nach mir aus: Friede, Friede. Ich stierte
vor mich hin und sagte endlich todernst: »Das
Kartoffelfeld.« Die kleine dumme Person sah mich
zuerst verwundert an, dann aber, in der Meinung, ich
habe einen »Witz« gemacht, sprang sie wie
eine Schlittschuhspinne auf dunklen, einsamen Waldtümpeln
im Zimmer herum und rief außer sich vor Lachen.
»Das Kartoffelfeld! Das Kartoffelfeld!«
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