Kriegsnovellen
Das Wärterhäuschen
Als ich
zur Kundschaft in Begleitung von sechs Ulanen fortgeritten
war, hatte ich beim Austritt aus einem Gehölz,
an dessen jenseitigem Rande, plötzlich in geringer
Entfernung eine Schienenlinie vor mir gesehen. Wohl
war es mir aus meinen Karten bekannt, daß in der
Nähe die Eisenbahn von Beauchamps nach Telfort
liege. Und der Hauptzweck auch meines Rittes war der,
diesen Strang zu suchen und ihn näher zu betrachten.
Besonders war mir von meinem General der Auftrag geworden,
genauer zu erforschen, ob Bahnkörper und Telegraph
zerstört seien oder nicht; ob hinter dem Wall der
Feind Verteidigungsmaßregeln getroffen, und im
Nichtfall, ob es sich lohne, dort vor Beginn des morgen
zu erwartenden Gefechtes durch flüchtige Verschanzungen
die gegebene Lage zu verstärken..
Ich war daher rasch entschlossen,
hinzusprengen. Meine Ulanen ließ ich zurück.
Mit gespanntem Revolver galoppierte ich drauf los. Kein
Schuß empfing mich. Auch, als ich auf den Damm
hinaufkletterte, wie ich mit Recht auf meinem kleinen
behenden, ausdauernden Pferde sagen konnte, sah ich
in unmittelbarer Nähe nichts vom Feinde. Nur in
der Entfernung einer Meile etwa – aber das war
uns allen bekannt – bemerkte ich die gegnerischen
Vorposten. Von einer Schleichpatrouille, deren Standpunkt
ich nicht genau entdecken konnte, fielen Schüsse
auf mich. Die Kugeln zischten mir in großer Nähe
vorbei. Ich nahm artig meinem Helm ab, grüßte,
ihn schwenkend, zwei, dreimal hinüber und »kletterte«
wieder hinunter. Aber unten, nun gedeckt, hielt ich
an und winkte meine Ulanen heran. Bald waren diese zur
Stelle. Dem einen mein Pferd übergebend, schritt
ich, wieder allein, vorsichtig drei Minuten weiter,
immer die Innenseite des Bahnkörpers benutzend.
Nun hatte ich mein Ziel erreicht, ein Wärterhäuschen,
das ich vorhin erblickt.
Dieses Wärterhäuschen
stand an einem Übergange. Fünf, sechs hier
zusammenstoßende Telegraphenpfähle, Signalvorrichtungen,
rote und grüne Laternen mit ihren Blendungen und
Verschiebungen auf hohen Staugen waren hier zu sehen.
Dann auf jeder Seite zwei durch eine Kurbel zu schließende
und zu öffnende Wegeschranken.
In der Bude selbst, die aus vier
Räumen: einer Küche, zwei Familienzimmern
und dem kleinen Raume für den Wächter bestand,
fand sich im Raume des Wächters eine nach unten
gekehrte glockenartige Metallschüssel, in der Höhe
des Gemachs, angebracht, an die im gegebenen Falle ein
Hammer anschlug: das Läutwerk. Kurz, es zeigten
sich jene Einrichtungen, die wir alle schon an oder
in Wärterhäuschen beobachtet haben.
Der Aufseher, ein hart blickender,
noch junger Mann, antwortete mir mürrisch und immer
erst nach einiger Überlegung. Augenscheinlich belog
er mich stark. Dies blieb mir ziemlich gleichgültig,
da ich über Zahl und Stellung gut unterrichtet
war.
Außer dem Befragten saß
in einer der Stuben seine junge Ehefrau. Sie hatte ein
Kind an der Brust. Ängstlich, und doch in dieser
Minute ihr Mutterglück nicht verbergend, forschte
sie in meinen Zügen.
Ich hatte genug gesehen und ritt
zu meinem General zurück. Als ich ihm Meldung und
ausführlichen Bericht gebracht hatte, beschloß
er: schnell zwei aus Husaren und aufgesessenen Pionieren
zu bestehende Abteilungen nach Norden und Süden
hin – in dieser Richtung lief die Linie –
zu senden, um den Bahnkörper zu zerstören.
Eine dritte, ebenfalls aus Husaren und hinter diesen
aufgesessenen Pionieren zu bildende Abteilung sollte,
unter meiner Führung, sofort an den Teil des Schienenstranges
geschickt werden, von wo ich hergekommen war, um diesen
in möglichster Weise durch rasch aufgeworfne Erdbefestigungen
zu befestigen. Ich machte, es war über Mitternacht
hinaus, auf die Entfernung aufmerksam. Doch der General
wiederholte nur seinen Befehl; und so ritten die Abteilungen,
die mittelste unter meinem Kommando, schon nach einer
Viertelstunde ab.
Als wir um drei Uhr morgens –
wir waren im September und hatten deshalb, bei schon
untergegangnem Monde, noch dunkle Nacht – an Ort
und Stelle anlangten, wurden wir von einem wütenden
Feuer empfangen. Der Feind, dem sicher meine Auskundschaft
gemeldet, war an die Schienen mit starken Vortruppen
herangerückt und hatte sich dort eingenistet.
Obgleich viel zu schwach, den Platz
zu erzwingen, that ich doch, was jeder deutsche Offizier
in meiner Lage thut: ich zog meinen Säbel und preschte
mit meinen Leuten zum Angriff vor. Vergebens. Gleich
zu Anfang stürzte ich mit meinem erschossenen Pferde.
Die Hälfte meiner Mannschaft fiel. Feindliche Infanterie
drang in dicken Haufen vor. Ich warf mich auf einen
ledigen Gaul und schrie: »Vorwärts, Vorwärts!
. .« Vergebens. Mit einem leichten Schrammschuß
am linken Arm, mit meinem sehr gelichteten Kommando
traf ich wieder beim General ein, um ihm Bericht zu
geben. Dieser nun befahl den sofortigen Anmarsch, um
durch einen gewaltsamen Vorstoß auf alle Fälle
die wichtige Bahnlinie in die Hände zu bekommen.
Auch die beiden nach Norden und
Süden entsandten Abteilungen hatten, durch große
Übermacht überrascht, zurückgehen müssen.
* *
*
Gegen fünf Uhr rückten
wir ab. Noch hatte die Dämmerung dem Tage nicht
erlaubt, sein großes Lichtauge aufzuschlagen.
Bald aber siegte dieser. Es war ein windiger, doch warmer
Herbstmorgen. Gleichmäßig bedeckte ein einziges
Grau den ganzen Himmel.
Unsre Vorhut – die Feldwachen,
die Vorposten überhaupt, hatten den Befehl erhalten
sich nicht vom Gros aufnehmen zu lassen, sondern ohne
Verzug vorzugehen – stand bald in ihrer ganzen
Ausdehnung an der Bahnlinie im Feuer. Doch sie erreichte
nichts. Sie mußte unsre Massen abwarten. Durch
unsre Krimstecher konnten wir von einer Höhe aus
den Kampf verfolgen. Deutlich bemerkte ich, wie in schnellster
Gangart feindliche Batterieen und Reiterregimenter ihren
Kameraden zu Hilfe eilten. Augenscheinlich mußte
der Bahnkörper zum Brennpunkt des Tages werden.
Der General trieb deshalb zur möglichsten Beschleunigung
an. Und in der That: wir waren bald »heran«,
so schnell heran, daß der Feind, wie es offenbar
in seiner Absicht gelegen hatte, nicht mehr wagte, uns
über den Schienenstrang hinaus anzugreifen. Das
Gefecht war zum Stehen gekommen. Von beiden Seiten –
unsre Truppenkörper mochten hüben und drüben
je ein Armeekorps bilden – wurde zäh festgehalten,
was zu halten war. Als wir einige Male unter ungeheuern
Verlusten versucht hatten, den Gegner aus seiner Stellung
zu vertreiben, ging das Feuern in Schnellfeuer, in einen
Feuerregen über.
Ich entsinne mich aus diesen schweren
Stunden einiger Einzelheiten.
Bald hierhin, bald dorthin von
meinem so klugen und ruhigen wie energischen General
gesandt, suchte ich einmal den Obersten eines Infanterie-Regiments,
um diesem den Befehl zu bringen, durch eine Umgehung
nach Norden hin zu versuchen, dem Feinde in die Flanke
zu kommen. Das ganze, in Reserve stehende Regiment,
das Schutz und Deckung in einem Tannenhölzchen
gefunden hatte, stand dort, der Enge wegen, in Bataillonskolonnen
hintereinander, mit Gewehr ab. Der Oberst, einige Stabsoffiziere
und Adjutanten hielten zu Pferde vor dem Wäldchen:
der Aussicht wegen und um so schnell wie möglich
bei der Hand zu sein, wenn ihnen Befehle geschickt wurden.
Als ich mich den Herren, ventre à terre, näherte,
raste mir, unterwegs den Degen herausreißend,
der Oberst schon entgegen. Grade, als wir mit weit zurückgebogenen
Oberkörpern, beim Zusammentreffen, unsre Gäule
zum Stehen bringen wollten, platzte zwischen uns eine
Granate. Sie hatte – sehr wunderlich sind oft
die Launen dieser unangenehmen Schwerenöter –
im Vorbeifliegen den Kopf und ein Stück des Halses
des Braunen des Regimentskommandeurs völlig abgerissen.
An Kopf und Hals des Pferdes, hier den ersten Widerstand
findend, war sie zersprungen. Aber außer dem sofort
tot zusammenbrechenden Tiere waren weder der Oberst
noch ich auch nur in der geringsten Weise verletzt.
Der Oberst, der geschickt und rechtzeitig den Sattel
verlassen hatte, stand schon, noch fast in der Staubwolke
verschwunden, neben mir und hörte gelassen, indem
er sich nur wie im gleichgültigen Nebenher mit
dem Zeigefinger der Rechten etwas angesprungenen Sand
wegknipste, meinem mir gewordnen Auftrage zu.
Ein andermal hatt ich den Befehl,
in die vorderste, dichtest gekettete Schützenlinie
zu reiten, um dort, ohne erst Zeit zu verlieren, den
kommandierenden Offizier zu finden, die nächsten
Hauptleute und Leutnants zu ersuchen, sprungweise vorzugehen.
Das war, was man einen Todesritt nennt. Alle Offiziere
waren zu Fuß dort; die meisten aus dem Grunde,
weil ihnen die Pferde schon gefallen, die übrigen,
um nicht sofort heruntergeschossen zu werden. »Dat
mut hindör,« wie wir Holsteiner sagen. Also
ohne Besinnen (davon kann überhaupt, wenn der Befehl
gegeben ist, nie die Rede sein) vorwärts. Es war
ein grausiger Ritt; bis heute ist es mir völlig
unerklärlich, wie ich ohne jede Verwundung, ja
selbst ohne ein Loch, ohne einen Riß in meiner
Uniform, und ohne daß selbst mein Fuchs gestreift
wurde, »durch« gekommen bin. Ich also an
den nächsten Offizier heran! Im Kürzernehmen
meines Tempos rief ich ihm zu . . . und so zum zweiten,
zum dritten . . . In den Ohren klingt mir noch das gellende
Kommando der Offiziere, der Führer: »Auf!
Marsch, Marsch! Hurra! . . .« Die Nebenzüge
folgen. Alles ist in der Vorwärtsbewegung. Ich
wende mein Pferd zum Zurückreiten; muß wenden,
der raschen Gangart wegen, im Bogen. Aber der Bogen
ist zu kurz: mein Pferd gleitet in einem Bluttümpel
aus; ich stürze mit ihm ins Gras. Aber gleich sind
wir beide wieder auf den Beinen. Neben mir, über
alle Maßen grauenhaft durch den Unterleib geschossen,
liegt mit verzerrten Lippen, kurze, fast wie Wiehern
klingende Schmerzenstöne ausstoßend, ein
mir sehr lieber Freund. Es ist mein alter guter Kamerad
aus der Garnison. Seine weitaufgerissenen Augen flehen
mich um etwas an; seine Worte, die er sprechen will,
sind ein Gurgeln. Er hebt den linken Arm schwach nach
seinem Revolver, der ihm entfallen ist. Er sieht mich
bittend-entsetzt an. O mein Gott, ich verstehe . . .
Einen Augenblick kämpfe ich mit der größten
Versuchung. Schon will ich die Waffe heben. Aber ich
bücke mich nicht über sie; ich bücke
mich über den Schwerverwundeten: »Bleib Du
im ewigen Leben, mein guter Kamerad . . .« und
ich bin wieder im Sattel und sprenge zurück.
Wieder bin ich unterwegs. Diesmal
gilt als Ziel ein Dragonerregiment, das der General
näher nach vorn haben will. Ich soll mit dem Regiment
vorreiten, um den Punkt zu zeigen, wo es halten soll.
Bald bin ich da und entledige mich meines Auftrages.
Der Regimentskommandeur, von seinem Adjutanten und zwei
Trompetern begleitet, galoppiert mit mir vor. An die
Höhe, hinter der die Dragoner bleiben sollen, ist
schwer heranzukommen Eine ganze Batterie, die dort hinaus
gesollt, ist dorthin gar nicht hinaus gelangt. Ein Platzregen
von Granaten muß hier über sie niedergegangen
sein. Es ist alles ein matschiger, in einander gewühlter
Haufen. Als das Dragonerregiment sich nähert, muß
es sich, die Durchgangsstelle ist zu schmal, fast einzeln
durchwinden. Dies langsame Vorrücken hat abermals
eine feindliche Batterie bemerkt, und wieder geht ein
Granatenplatzregen nieder. Aus den kleinen grauen Wölkchen
entwickeln sich, wenn sie zerflossen sind, schreckliche
Bilder von Verstümmelten, von zerfetzten Menschen
und Pferden. Durch, wer durchkommt. Und ein Drittel
des alten berühmten Regiments ist durch. Rasch
sammeln sich die Schwadronen. Ein zweiter Adjutant des
Generals ist zur Stelle: Das Regiment soll unverzüglich
auf über den Damm vorgebrochne Infanterie losgehn.
Und unverzüglich reiten die gelichteten Dragoner
an. Sie gehen, fast vom Fleck aus, zur Attacke über
und in die Vierecke und Knäuel hinein. Ich werde
mit dem Strudel fortgerissen. Wir sind mitten in der
Infanterie. Jeder haut auf Bajonette, vorgehaltne Kolben,
Käppis, Schnurrbärte, Milchgesichter mit aller
Lebenskraft ein. Die Standarte, hoch über dem tanzenden
Gewoge sichtbar, fängt Lorbeerkränze auf,
die ihm die Siegesgöttin lächelnd über
die vergoldete Spitze wirft. Was nicht niedergeritten,
niedergehauen wird, löst sich in Flucht auf. Ewigen
Ruhm hat das herrliche Reiterregiment errungen . . .
Ich melde mich wieder bei meinem General.
Nach diesem Angriff ließ
der Oberbefehlshaber zum allgemeinen letzten Vorstoß
blasen. Er gelingt! Wir haben den Eisenbahndamm. Als
der General und ich durch den Übergang am Wärterhäuschen
reiten wollen, fühl ich, aber ohne jeden Schmerz,
als wenn mich einer ganz leicht mit der Handfläche
geschlagen hätte, einen Ruck am linken Knie. Einige
Schritte noch reit ich weiter, ohne etwas zu merken.
Der General bietet mir eine Cigarette an. Es wird eine
Wohlthat sein nach den heißen Stunden. Ich will
die Zündhölzer aus meiner Hosentasche nehmen.
Es will nicht recht. Ei, was ist denn das! Plötzlich
blitzt und leuchtet es mit tausend Feuerkugeln vor meinen
Augen. Aber ich möchte mir die Cigarette anzünden.
Wie denn, wer denn, ich selbst etwa? Das ist ja merkwürdig.
Ich krabbele mit meiner linken Hand in der Mähne
meines Pferdes umher. Ich schwanke, kann mich –
zum Donner auch, was ist das – nicht mehr im Sattel
halten . . . Räder um mich her, glühende Räder
. . . Mir wird sehr leicht . . . Der Arm des Generals
langt nach mir . . . stärkstes Ohrensausen . .
. und ich erwache im Wärterhäuschen.
* *
*
Ich erwachte. Wie lange hab ich
geschlafen? Wie bin ich hierher gekommen? Wer hat mich
hergebracht?
Mir ist sehr dumpf im Kopf. Meine
Gedanken sind nicht ganz klar. Es ist das Gefühl,
das der deutsche Mann kennt, das Gefühl des Katers.
Wüst, wüst . . . Ich liege vollkommen ausgestreckt,
ohne Kopfunterlage. Rechts und links von mir, hart an
mich herangelegt, schlafen? zwei schwer verwundete Franzosen.
Wir sind im Dienstraume des Wärters. Die Hausthür,
die unmittelbar in dies Zimmer geht, steht weit auf
nach außen. Ich sehe nur den gleichgrauen Himmel.
Gegen diesen hebt sich, wohl über den Pfosten losgerissen,
eine im Winde schaukelnde Weinranke ab; an dieser sitzt
ein einziges großes grünes, fast durchsichtiges
Blatt, das sich fortwährend dreht. Dieser Anblick
vermehrt zuerst meinen Schwindel, dann aber beruhigt
er mich: die grüne Farbe, von der grauen abgehoben,
thut mir wohl.
Ich versuche den Kopf zu heben:
Der ganze Raum ist angefüllt mit Toten, Sterbenden,
Verwundeten. Alles ist dicht wie Heringe an einander
gerückt. Ans der rechten Schulter eines bewußtlosen,
verwundeten Dragoners hockt eine schwarze Katze. Sie
macht einen Buckel, als sie einen Hühnerhund erblickt,
der sekundenlang, Luft einziehend, durch die Thür,
wie suchend, ins Innere äugt. Durch die Thüre
hör ich draußen: »Nein, nein, nein,
ich will nicht, Herr Stabsarzt.« Eine andre Stimme,
sicher die des Doktors: »So beruhigen Sie sich
endlich. Ich will Ihnen doch helfen; Sie sehen doch
. . .« Und die gleiche Stimme, wahrscheinlich
zu einem Lazarettgehilfen, brüllend: »Zum
Kuckuck auch, Ehmke, so packen Sie doch zu . . .«
Dann gräßliche einzelne Schreie, drei-, viermal
hintereinander; dann Stille.
In der Ferne hörte ich das
Gefecht. Ich hatte das köstliche Bewußtsein,
daß wir den Feind geschlagen.
Einmal erschienen im Rahmen der
offnen Thür, sich scharf vom Himmel ausschneidend,
drei preußische Lazarettgehilfen. Sie schienen
sich ganz gemütlich zu unterhalten. Wollten sie
sich etwa zu einem Skat niederlassen? Dieses heilige
Nationalspiel nimmt der Deutsche, wie bekannt, in alle
Lagen des Lebens mit . . . Die drei Lazarettgehilfen
verschwanden. Nur die Ranke mit dem schönen großen
grünen Weinblatt schaukelte . . .
Weshalb bin ich denn eigentlich
hier? Nun erst fällts mir ein: ich muß verwundet
sein. Aber wo? Ich fühle nirgends einen Schmerz.
Ich taste, taste, taste. Plötzlich bemerk ich,
daß bei meinem linken Knie die Hand sehr warm
wird. Ich ziehe sie weg; sie ist blutig über und
über. Ich versuche, das Bein zu krümmen. Ein.
stechender Schmerz geht mir durch den Körper. Ich
entsinne mich des leichten Schlages auf Knie. Dort also
traf mich das Blei. Mühsam erlang ich mein Taschentuch.
Mühsam richt ich mich ein wenig in die Höh.
Mühsam sehr mühsam, mach ich mir einen Notverband.
Weiter komm ich nicht. Die Sinne werden dunkler und
dunkler. Das letzte Bild: durch die Thür ein auffallend
kleiner, zum Kriege eingezogner Oberstabsarzt. Er trägt
einen kurzgehaltenen feuerroten Schnurrbart. Ich kenne
den Herrn vom Stabe; auch aus der Garnison war er mir
erinnerlich. Er genießt als Arzt wie als Mensch
eines ausgezeichneten Rufes.
Der kleine Oberstabsarzt hatte
den Arm eines baumlangen jungen Unterarztes gefaßt
wie in großer Ermüdung.. Von seinen Augen
aus geht ein freundlicher sanfter Zug. »Nun hier
an die Arbeit, lieber Schmidt. An eine Pause dürfen
wir nicht denken.«
Ich verlor die Besinnung.
* *
*
Als ich zum zweiten Male erwachte,
fand ich mich in der gleichen Lage wie vorhin. Aber
ich fühlte mich sehr erfrischt. Meinem Kopfe ist
ein zusammengelegter Uniformrock untergelegt. Ich fühlte
weder Schwindel noch Schmerzen. Ich konnte klar denken.
Mein erster Blick fiel auf die noch immer sperrangelweit
geöffnete Hausthür. Ich sah wieder die Ranke
und das schöne grüne Blatt schaukeln. Dann
glitt mein Auge auf mein linkes Bein. Die Wunde war
mit Binden stramm umwickelt. Nur einige durch die Leinwand
gedrungne Blutstropfen bemerkte ich.
Ich stellte weitere Beobachtungen
im Zimmer an: Der Franzose links von mir war gestorben.
Seinem Haupte war ein Tornister untergestellt. Aber
dieser hatte sich durch irgend einen Umstand verschoben.
Der Kopf, nach mir gewendet, war abgeglitten, nach hinten
gefallen. Ich schaute in die gebrochnen Augen des Mannes,
dicht, dicht neben mir. Der Mund stand groß geöffnet.
Der linke Arm zeigte sich, erstarrt, im rechten Winkel
erhoben; die Hand dieses Armes scharf gekrallt.
Rechts von mir, ebenso dicht wie
meinem linken Nebenmann fand ich einen französischen
Gardekapitän. Aus dem sehr blassen, länglichen
Gesicht sahen mich groß, fragend zwei dunkelbraune
Augen an. Ein schwarzer Henriquatre, wie ihn fast allgemein
der französische Offizier trägt, stand dem
bleichen Gesichte gut. Dieser Franzose atmete noch.
Nur die linke Hand, die er schwer auf die Brust drückte,
als wolle er einen sprudelnden Quell aufhalten, verriet
mir, daß ihn hier die Kugel erreicht hatte. Auch
er war, wie die andern im Raume Anwesenden, verbunden.
Trotzdem sickerte unaufhörlich Blut durch seine
Finger.
Ich konnte meine Uhr aus der Tasche
ziehen. Sie zeigte drei Minuten nach fünf nachmittags.
»Mein Kamerad,« sagte
leise zu mir der französische Kapitän. Ich
wähnte, daß er die Zeit wissen wollte, ich
drehte ihm die Uhr hin. Er lächelte, nickte schwach
und schloß die Augen.
Ich sah mich, mich ein wenig aufstützend,
nach allen Seiten um. Das Wärterhäuschen trug
überall die Spuren eines hier heftig getobt habenden
Kampfes. Gewehrkugeln waren in die Wände geschlagen
oder hatten den Putz abgerissen. Vor dem Fenster hing
ein halb heruntergezerrter, zerfetzter Vorhang. Möbel
und Gerätschaften lagen, das wenige, das noch von
diesen vorhanden, in Trümmern. Vor meinen Füßen
ruhte eine zerbrochne Lampe; nur der Cylinder war merkwürdigerweise
heil geblieben. Unversehrt auch hing unter der Decke
das Läutwerk. Der elektrische Strom mußte
jedenfalls durch Zerstörung während des Gefechtes
aufgehört haben, zu arbeiten, und doch immer klang
es mir, als wenn der Hammer ganz seine Töne an
der Metallglocke in Schwingung setzte: Bim, bim, bim
. . . Das schien mir das einzige Geräusch, denn
sonst war es still um mich. Im ganzen mochten wir zu
zehn, zwölf beisammen hier sein. Von diesen schliefen
aus Erschöpfung und Blutverlust die meisten, die
andern waren Leichen. Es herrschte gleichsam eine Grabesstille,
eine feierliche Stille. Von außen, außer
dem Schießen aus großer Entfernung, kam
kein Klang. Die Insassen des Häuschens blieben
verschwunden. Die Ärzte und Lazarettgehilfen schnitten
und sägten und bepflasterten und klebten und verbanden
längst an andern Plätzen. Ja, so still war
es zeitweise, daß ich die Weinranke an den Thürpfosten
schlagen hören konnte. Und dann das mir fortwährend
ins Ohr klingende – war es Täuschung? nur
durch meine erregten Nerven hervorgerufen? – feine
Bim, bim, bim des Läutwerks.
Ich sah wieder auf den mit ruhigen
Atemzügen schlafenden Kapitän. Das Blut sickerte
nicht mehr durch seine Finger. Der Quell schien versiegt.
Aber es hatte wohl nur eine andre gefährlichere,
schneller den Tod bringende Richtung genommen, die Richtung
nach innen.
Mein Nachbar erwachte und schlug
die großen braunen Augen zu mir auf. Und wieder
war es mir, als oh er sie prüfend auf mich richtete.
Er bat um einen Trunk. Ich konnte ihm zu meiner Freude
dienlich sein; denn durch die Vorsorge des kleinen Oberstabsarztes
standen bei jedem von uns Kochgeschirre mit schmutzigem
Brunnenwasser. Anderes war nicht zu haben. Und auch
im Kriege, in der Schlacht ist jedes noch so mit Schlamm
durchsetzte Wasser ein klares Brünnlein. Als ich
den Gardekapitän erlabt hatte – es gelang
uns mit vereinten Kräften – drehte er sich
langsam zu mir und sagte:
»Sie sind mein Kamerad. In
ganz geringer Zeit werde ich sterben. Ich fühle
noch so viele Kraft in mir, daß ich Ihnen ein
Geheimnis anvertrauen kann. Es ist eine Beichte und
eine Bitte. Ich weiß, Sie erlauben es; Sie sind
mein Kamerad.«
Die einfachen Worten »Sie
sind mein Kamerad,« und wie er sie so einzig vertrauensvoll
sprach, hätten das härteste Herz erweicht.
Wir bogen uns, so gut es gehen wollte, zu einander hin.
Drei, vier Zoll nur trennten unsre Augen. Aber wie es
sich in der Natur unsrer augenblicklichen Verhältnisse
von selbst verstand, redeten wir zuerst vom heutigen
Tage und von unsern Wunden. Dann erst begann er. Und
während seiner ganzen scheinbar ohne Beschwerden
geführten Aussprache klang es sehr fein, mit Pausen
von etwa zwanzig, dreißig Sekunden, bim, bim,
bim, bim, bim, bim vom Läutwerk her, schlug die
Ranke an den Pfosten, hörten wir in der Ferne das
allmählich schwächer werdende Schießen;
und wie es mir vorkam: vom Winde herübergetragen
das Ächzen, Stöhnen, Wimmern und Klagen der
Verwundeten und Sterbenden.
Mit Anstrengung entnahm er einer
Tasche im Futter seines Vorderschoßes zwei Schreiben,
von denen das eine einen bedeutend größeren
Umfang hatte als das andre. Zuerst übergab er mir
das kleinere mit dem Ersuchen, es so bald wie möglich
an seinen Bruder, den Vicomte Gautier de Perouse nach
Lille gelangen zu lassen. Er erzählte mir, sein
Bruder sei ein edler Mensch, der die Welt kenne und
nicht kleinlich denke; daß dieser die Vermögensverhältnisse
seiner (des Kapitäns) geliebten Frau und seiner
Kinder ordnen, daß er – und der mit dem
Tode Ringende neigte sich flüsternd an mein Ohr
– auch für Manon Deuxpierres sorgen werde,
wenn . . .
Ich konnte seine Worte, die sehr
leise und hastig wurden, nicht verstehen; aber ich erriet,
was er sagen wollte. Ich legte meine Hände auf
seine Hände und gab ihm dadurch zu bedeuten, daß
ich sein Vertrauen ehre. Ich sagte ihm, er könne
sich darauf verlassen, daß ich den Brief so schnell
wie möglich besorgen würde. Ein dankbarer
Blick und ein dankbares Lächeln war seine Antwort.
Nun gab er mir das zweite größere
Schreiben. »Dies schrieb ich,« so begann
er wieder, »vor zwei Tagen, als wir einen Ruhetag
in Belleville hatten. Ich übergebe es Ihnen mit
dem Wunsche, daß Sie es, wenn Sie es in ruhigeren
Zeiten gelesen haben, vernichten. Es ist eine Selbstanklage
und Rechtfertigung, eine Rechtfertigung, so weit dies
möglich ist. Bald stehe ich vor Gott dem Herrn,
und Er, der alle Triebfedern unsres Herzens, alle Kämpfe
unsrer Seele kennt, wird mir verzeihen.«
Weiter kam er nicht. Äußerst
erschöpft lehnte er sich zurück und schloß
die Augen. Nur einzelne Worte und Sätze, Phantasieen,
sprach er noch. Immer und immer wieder nannte er voller
Liebe die Namen seiner Frau und seiner Kinder. Seine
Brust hob sich schwerer, langsamer, und ohne Todeskampf
ging er hinüber.
Ich drückte ihm, mich unter
Schmerzen zu ihm beugend, die Augen zu. In dieser Minute
fing das Läutwerk an zu rumoren, sehr laut, wie
eine verrückt gewordne Wanduhr. Und unausgesetzt
klang ein rasches Bim, bim, bim, bim, bim, bim, bim
. . . Ich sah deutlich den Hammer schlagen.
Als die Dämmerung einsetzte,
hörte ich Stimmen. Ein Trupp Leichtverwundeter,
mit verbundnen Köpfen und Armen, ging an der Hausthür
vorbei. Gleich darauf erschien eine Trainabteilung mit
ihren Wagen, um die Beförderungsfähigen von
uns abzuholen und nach rückwärts zu schaffen.
Als ich hineingehoben wurde, entdeckte ich den guten,
tröstenden Mond. Seine volle Scheibe stand dicht
über dem einsamen Wärterhäuschen, das
dem französischen Gardehauptmann und einigen andern
Kameraden zum Leichenhaus geworden war.
* *
*
Schon nach zwei Tagen fand ich
Gelegenheit, den Brief sicher nach Lille in Bewegung
zu setzen.
Das andre Schreiben öffnete
ich erst während der Heilung meiner Wunde. Ich
hatte eine Art Angst davor gehabt, es zu brechen. Endlich
überwand ich mich. Kaum je eine Dichtung wüßte
ich, die mich so erschüttert hätte, als die
Lesung dieser Beichte. Die Thatsache selbst, die in
ihr klar gelegt wurde, war die gewöhnlichste der
Welt, täglich finden wir sie im Leben selbst wie
in Romanen: Der Vicomte hatte elf Jahre in überaus
glücklicher, kindergesegneter Ehe gelebt. Einige
Monate vor Ausbruch des Krieges erscheint zum Besuch
in seinem Hause eine Verwandte, ein junges Mädchen,
die Gräfin Manon Deuxpierres. Er verliebt sich
heiß und heftig in sie und wird wiedergeliebt.
Und nun entsteht der furchtbare Kampf zwischen Pflicht
und Natur.
Aber wie war dieser Kampf gegeben!
als wenn einer der wenigen wirklichen Künstler,
in diesem Falle Dichter, als wenn ein Shakespeare, Goethe,
Heinrich von Kleist, Theodor Storm, Fontane, Dostojewski,
Turgeniew, Tolstoi, Maupassant und wie die paar Großen,
die paar Dichter-Künstler heißen, diesem
Zwiespalt ihre Feder geschenkt hätten. Bis in den
tiefsten Abgrund zeigte der Vicomte seine Seele. Ich
war bis ins Innerste ergriffen. Ich habe aus dieser,
wie soll ich sagen: Erzählung gelernt, daß
wir Menschen milde urteilen sollen, milde, milde, denn
wir kennen selten die Beweggründe und wissen nichts
von den Kämpfen einer fremden Seele. Und milde
am meisten sollten über ihre Mitmenschen die Moralprediger
urteilen, die selbst nie in Versuchung gekommen sind.
Ich habe sofort das Schreiben,
wie ich es versprochen hatte, vernichtet, und weder
Frau von Perouse ahnt es, daß ein böser Prüssien
das Geheimnis ihres Gatten kennt, noch die süße
Manon Deuxpierres.
Es wäre eine Frage:
wie konnte der Vicomte mir, dem ihm ganz fremden, seine
Beichte, die das Heiligste enthielt aus seinem Leben,
übergeben? Aber sagte er nicht einfach: »Sie
sind mein Kamerad . . .«
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