Letzte Ernte
Der alte Wachtmeister
vom Dragonerregiment Anspach-Bayreuth
Es hat sich in den Jahren der Befreiungskriege zugetragen.
Nicht in der Schlacht an der Katzbach, bei Leipzig oder
Waterloo oder in irgend einem anderen großen Treffen.
Sondern bei einer größeren Rekognoszierung,
wie sie zuweilen von den Oberfeldherren, von den Oberbefehlshabern
einer Armee ausgeführt wird, entweder nur in Begleitung
von wenigen Generalstabsoffizieren und Adjutanten oder
mit ein oder zwei Regimentern Reiterei.
Die Sommersonne bescheint ein einsames
Häuschen mitten auf der Haide. Es ist frühmorgens.
Vor der Tür der Hütte sitzt in einem alten
ledernen Lehnstuhl ein Greis. Er trägt die Uniform
des früheren Dragonerregiments Anspach-Bayreuth.
Auch das Zöpfchen fehlt nicht.
Er ist ganz allein. Ob die anderen
Bewohner des Häuschens geflohen, ob sie weggeführt
sind und wohin, ist gleichgültig. Der Greis ist
ganz allein.
In weiter Ferne klingts wie schwaches
Donnern eines Gewitters. Oder sind es Geschützschläge?
Bald hört es auf. In der Luft zittert und flimmert
und glüht es. Auf der Haide ist es still wie immer.
Eine Lerche steigt in die Lüfte und frohlockt ihr
Lied. Der eigentümliche Duft der Haidekräuter
und der wenigen Blumen des kleinen, armseligen Gartens
ist zu spüren. Eine kleine Eidechse schillert und
schießt pfeilschnell vorbei. Es ist ein einziges
Bienengesumme.
Dem Alten scheinen Erinnerungen
zu kommen: Mit zwanzig Jahren zog er in den Zweiten
Schlesischen Krieg als Dragoner im Regiment Anspach-Bayreuth.
Dann machte er viele Schlachten mit: bei Hohenfriedeberg,
bei Prag, bei Roßbach, bei Leuthen. Die Augen
des alten Soldaten blitzen . . . Bei Leuthen, wo er
die feindliche Standarte nahm. Der König ritt an
ihn heran: »Wie heißt Er?« –
»Steinmann, Majestät.« – »Schöne
Tat, will ihn belohnen, Er ist Wachtmeister.«
Bei Zorndorf, bei Liegnitz, bei
Torgau. Mit Ziethen bei Torgau! Verdammt! Hier reißt
eine Geschützkugel dem Wachtmeister den linken
Fuß weg. Mit dem Soldatensein ists vorbei für
immer . . . Der Invalide träumt weiter: Von der
hübschen Müllerstochter, die ihm treu geblieben
ist; von seinen Kindern, von Kummer und schwerer Tagesarbeit,
von Glück und Liebe und Frieden. Er weiß
nicht mehr, wie lange das her ist; er weiß nicht
mehr, wie alt er ist.
Zuweilen steht er auf und humpelt
mit seinem Stelzfuß durch die offen stehende Tür
ins Haus, wo auf dem Herd ein Feuerchen lebt, das ihm
seine karge Mittagssuppe fertig macht.
Dann humpelt er wieder nach seinem
Lehnstuhl draußen. Es ist bald 12 Uhr. Die unendliche
Stille und Einsamkeit der Haide dauert fort. Nichts
ist zu sehen, nichts ist zu hören. Nur ein einziges
Bienengesumme tönt überall als einziges Geräusch.
Zuweilen nickt er auf Minuten ein.
Wenn er erwacht, hält er die Hand über die
Augen und beschattet sie gegen die Sonne. Die pralle
Sonne tut ihm sonst nichts; er findet sie behaglich
warm.
Bei einem seiner Gänge ins
Haus hat er sich seine Uniform, die Uniform des Dragonerregiments
Anspach-Bayreuth, angezogen. Die hat er sich durch sein
langes Leben aufbewahrt. Und so sitzt er nun in seinem
Lehnstuhl. Den Pallasch hat er sich umgegürtet.
Das gesunde Bein trägt den hohen Stiefel mit Sporn.
Den Krückstock hält er in der Linken.
Immer noch dieselbe Stille und
Einsamkeit. Nur ein einziges Bienengesumme auf der ganzen
weiten Haide. Sonst ist nichts zu hören. Am Horizont
flimmert die Hitze. Doch was ist das? Aus dieser flimmernden
Hitze am Horizont löst sich ein schwarzer Punkt,
lösen sich schwarze Punkte. Bald ists deutlich
und erkennbar: zuerst ein einzelner Reiter, dann ein
kleiner Trupp Reiter hinter ihm, und dann, so scheint
es, ein ganzes Reiterregiment. Alles kommt langsam näher,
grad aufs Häuschen zu. Noch immer reitet der eine
allein voran. Dann sprengen plötzlich zwei Offiziere
vor. Im Galopp jagen sie an die Hütte heran. Und
halten hier mit einem Ruck ihre Pferde an. Einen Augenblick
ists, als wenn sie etwas nicht begreifen können.
Dann reden sie mit lebhaften Gebärden und mit lebhaftester
Zunge auf den Alten ein. Sie sprechen Französisch.
Der versteht kein Wort, was sie schwatzen. Er bleibt
stumm in seinem Sessel sitzen. Nun machen sie plötzlich
Kehrt und preschen wie Indianer, die eine wichtige Entdeckung
gemacht haben, zurück. Der eine von ihnen hält
bei dem einzelnen Reiter an und lüftet die Kopfbedeckung
und meldet. Dann kommt, immer der einzelne Reiter allein
voran, die ganze Kavalkade ans Haus geritten. Ist es
das menschgewordene Schicksal, der da vornweg reitet?
Es ist Napoleon, das Genie! Er ist so bekleidet, wie
wir ihn alle aus dem Bilde von Horace Vernet kennen.
Die eisernen Züge sind erstarrt; wie aus Feuermassen,
aus flüssigen Feuermassen erstarrtes Eisen. Seine
Augen sehen groß und tief auf den alten Wachtmeister.
Ein wenig Bewegung: der Kaiser fuchtelt mit der kurzen
Reitpeitsche herum. Er läßt sie am Halse
seines Schimmels auf und ab gleiten, als wenn er Fliegen
von seinem Pferde scheuchen will. Dann ruft er einen
Namen. Aus seinen Generalen sprengt ein grauhaariger
zu ihm. Er gibt ihm einen Befehl. Der springt vom Pferde
und, es am Zügel führend, geht zum Wachtmeister.
Und fragt ihn aus in seinem elsässischen Deutsch.
Die beiden verständigen sich. Der General meldet
dem Kaiser. Und der Kaiser steigt ab. Und mit ihm steigt
ab sein ganzes Gefolge, und hinter diesem steigt ab
das ganze Kürassierregiment Graf Latour. Und der
Kaiser, den Zügel seinem Mamelucken hinwerfend,
geht zum Alten. Er drängt ihn, der sich erheben
will, in den Lehnstuhl zurück. Der Kaiser winkt
wieder dem General, der elsässisches Deutsch spricht.
Und unterhält sich nun auf diese Weise mit dem
Wachtmeister des Dragonerregiments Anspach-Bayreuth.
Merkwürdig: er läßt ihn nicht ausfragen
nach Land und Leuten, nach dem, was er von Truppenbewegungen
in den letzten Tagen etwa gesehen hat, oder nach ähnlichen
Dingen. Aber er muß ihm vom alten Fritz erzählen.
Des Kaisers Augen liegen groß und starr auf den
Zügen des fridericianischen Soldaten. Seine Züge
erhellen, erheitern sich. Er summt vor sich hin die
italienische Übersetzung des Schillerschen Reiterliedes:
»Audiam audiam a cavallo«. Und wenn er dies
vor sich hinsingt, atmet seine ganze Umgebung auf. Der
Kaiser ist dann »in guter Laune«.
Als Schleier und Aufpaßposten
vorgeschickte Reiter galoppieren zurück: daß
feindliche Kavallerie, wohl in Stärke eines Regiments,
in Sicht kommt. Napoleon summt weiter: »Audiam,
audiam a cavallo« und besteigt ruhig seinen Schimmel,
nachdem er dem Alten freundlich die Hand gegeben hat.
Der Kaiser und sein Gefolge kehren langsam, »pomadig«
zurück. Auf einen Wink des Kaisers eilt Graf Latour,
der Kommandeur des begleitenden Kürassierregiments,
zu ihm. Er gibt ihm einen Befehl: den Befehl, Front
zu machen und dem feindlichen Reiterregiment entgegenzugehen.
Er selbst reitet mit seinem Gefolge, als kümmere
ihn die ganze Welt nicht, ruhig im Schritt zurück.
Da stößt ein äußerst phantastisch
gekleideter General aus dem Gefolge auf den Kaiser und
scheint ihm fast flehentlich eine Bitte vorzutragen.
Der Kaiser gewährt sie lächelnd und summt
weiter: »Audiam, audiam a cavallo«. Es war
Murat, der König von Neapel, der Schwager des Kaisers,
das Reitergenie, der die Bitte vorgetragen hat. Er jagt
dem Kürassierregiment nach, unterwegs den krummen
Türkensäbel ziehend. Sein Fuchs ist mit Tigerdecken
belegt. Murat trägt eine polnische Czapka, mit
einer langen Reiherfeder dran, die durch einen großen
Diamanten gehalten wird. Sein hellblauer Dolman leuchtet
in der Sonne. Nun ist er beim Grafen Latour, der weit
vor seinem Regiment reitet, und zieht mit dem Kürassierregiment
dem feindlichen Reiterregiment entgegen.
Dies feindliche Reiterregiment
ist das zweite preußische Kürassierregiment,
entstanden aus dem früheren Dragonerregiment Anspach-Bayreuth.
Und auch diesem Regiment reitet weit voran der Oberst
und Kommandeur Graf Barfuß. Aber auch neben dem
Grafen Barfuß reitet einer, ein alter General
mit langen Gamaschen und einer großen, steifen
Feldmütze mit einem riesigen Mützenschirm.
Es ist der alte Blücher, der Marschall Vorwärts,
der Vater Blücher. Auch er hat, mit einem Reiterregiment
als Begleitung, eine Rekognoszierung vorgenommen.
Die beiden Regimenter nähern
sich. Fanfaren. Und sie prasseln ineinander. De ol Blücher
kreuzt den Säbel mit dem König von Neapel.
Und die beiden Obersten und Regimentskommandeure hauen
sich herum wie »nichts Guts«. Die Franzosen
werden geworfen, die Preußen sind Sieger. Alles,
Feind und Freund, rast vorbei am Häuschen. Der
alte Wachtmeister steht aufrecht. Er stützt sich
mit der Linken auf den Lehnstuhl. Die Rechte hat den
Pallasch gezogen.
Ehe die Sonne untergeht, kommen
die preußischen Kürassiere zurück. Blücher
läßt halten und springt, jugendlich wie ein
Achtzehnjähriger, vom Pferde. Er eilt auf den Alten
zu. Ihm ist die Uniform von den Dragonern Anspach-Bayreuth
noch bekannt aus des großen Friedrichs Zeiten.
Und er umarmt und küßt den alten Wachtmeister
in seiner köstlichen, unwiderstehlichen Art. Dann
läßt er die Trompeter den Hohenfriedeberger
blasen und reitet mit dem Regiment zurück. Die
Sonne sinkt. Immer schwächer klingen die Töne
des Hohenfriedebergers. Die Sonne ist gesunken. Sie
gab ihre letzten Strahlen dem hochgeschwungenen entblößten
Pallasch des Alten. Er bricht zusammen. Er ist gestorben
unter den Klängen des Hohenfriedebergers.
Am andern Morgen reitet ein hoher
Offizier, nur begleitet von einem Adjutanten, am Häuschen
vorbei. »Kleist, sehen Sie, was sitzt oder hockt
da?« Der Adjutant springt aus dem Sattel und geht
drauf los.
In einem alten ledernen Großvaterstuhl
liegt zusammengefallen eine Greisengestalt in der Uniform
des Regiments Anspach-Bayreuth. Der König ist näher
gekommen:
»Das ist ja die Uniform
des früheren Dragonerregiments Anspach-Bayreuth!
Und gestern hat sich hier das Regiment neue Lorbeern
gepflückt. Ein alter Mann; zu Friedrichs des Großen
Zeit Wachtmeister. Notieren: Vielleicht Verwandte –
will helfen – mich erinnern.«
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