Roggen und Weizen
Der Dichter
Der Dichter
Vor einigen Jahren verkehrte
ich in Hamburg viel in einem Weinhaus, das mir aus dem
Grunde so unterhaltend war, weil dort Menschen aus allen
Erdteilen ein- und ausgingen, wenn auch nicht wie in
südlicher gelegenen Städten der Fez oder eine
auffallende Nationaltracht auftauchten.
Ich hatte das behagliche Gefühl,
völlig vereinzelt und unbeachtet in dem großen
Fremdenmischmasch verweilen zu können.
Nicht zum wenigsten war mir dies
Wirtshaus besonders noch dadurch lieb geworden, daß
allabendlich in einem der Säle auf einer bühnenartigen
Erhöhung sich eine Streichmusik einrichtete, die,
über den Geschmack ist nicht zu streiten, mein
Herz erfreute und mich oft mitten in dem Wirrwarr in
Träume wiegte; nirgends ist man einsamer als in
Weltstädten – und bei zarter Streichmusik.
Seit einigen Abenden war mir ein
Herr aufgefallen, der entweder in tiefen Gedanken, oder
dachte er an nichts? vor sich hin starrte, oder zahlreiche
kleine aus einem Notizbuche ausgerissene weiße
Blätter beschrieb. Die ihn Umsitzenden, wie das
in einer Großstadt zu sein pflegt, hatten kein
Auge für ihren nachdenkenden oder schreibenden
Nachbar. Vielleicht ein flüchtiger Blick, ohne
irgend welche Neugierde; dann ließ man ihn sitzen.
Ans einer entfernten Ecke beobachtete
ich meinen Interessanten. Schrieb er nicht, so schob
er mit Daumen und Zeigefinger der Linken seinen kurzgehaltenen,
sorgfältig beschnittenen schwarzgrauen Schnurrbart
auseinander, stier vor sich hinblickend; oder er legte,
den rechten Arm mit der linken Hand stützend, das
Haupt in die rechte. Zuweilen fuhr er aus dieser Lage
auf und starrte, wie abwesend, in seine Umgebung. Er
schien nichts zu sehen, sondern war augenscheinlich
mit innern Bildern beschäftigt. Wie von der Tarantel
gestochen, begann er emsig zu schreiben, sich tief,
mit kurzsichtigen Augen auf seinen Zettel neigend. Unglaublich
schnell kritzelte er; dann plötzlich hielt er wieder
inne, um das, was er geschrieben, meistens auszustreichen.
Schien ihm eine Wendung, ein Satz, ein Gedanke zu gefallen,
so nahm er das Zettelchen dicht ans linke Auge und las
oft drei, vier Minuten an den Worten.
Spielte die Musik, so wurden seine
Bewegungen schneller, heftiger. Er wiegte den Kopf,
zog die Stirn in drohende Falten, legte, als wenn er
pst, pst sagen wollte, den Finger auf den Mund, oder
sprach gar einige leise Worte vor sich hin. Dann wandte
er auch wohl schnell den Kopf nach einer Seite, als
ob er eben gerufen wäre.
Meine Neugier war rege geworden:
ein harmloser Geisteskranker, dachte ich. Der Kellner
antwortete mir auf mein Befragen, ob er jenen Herrn
kenne: »Der macht hier jeden Abend von neun bis
zehn Uhr Reimverse.« So. Also »Reimverse«.
Ein Dichter folglich; ein Dichter in seiner Arbeit,
in den Augenblicken der »göttlichen Eingebung«,
in tiefster, innerster Erregung, und, wie mir schien,
in oft augenscheinlicher Bedrängnis, das ihn Bestürmende
in rechte Worte zu fassen und rasch zu Papier zu bringen.
Oder war der Mann ein Charlatan, ein Wichtigmacher,
einer, der durchaus der Welt interessant erscheinen
möchte?
Meine Neugier, auch Teilnahme,
wenn ich das blasse, abgehärmte Gesicht betrachtete,
wuchs. Kurz und gut, ich benutzte den Augenblick, als
sein Nachbar bezahlte und wegging, um mich auf seinen
Platz zu setzen. Auf jeden Fall wollte ich versuchen,
die Bekanntschaft des Sonderlings zu machen.
Als ich, an seinem Tisch angekommen,
mich neben ihm niedergelassen hatte, las er die vor
einigen Sekunden weggelegte Zeitung meines Vorgängers.
Er schien eifrig den Feuilletonquark zu verfolgen.
Ich hatte Zeit, ihn in der Nähe
zu betrachten. Just so stellte ich mir von jeher einen
deutschen Dichter vor: den Hals umgab ein Klappkragen
von zweifelhafter Weiße, der Rock war abgetragen,
der ganze Mann sah verhungert aus, natürlich würde
er im vierten Stockwerk wohnen, seine Haare »wallten«
öldurchtränkt in langen Strähnen über
den Rockkragen.
Ein tiefes Mitgefühl für
den Unglücklichen faßte mich. Denn unglücklich
mußte er sein, das las ich aus seinen kummervollen
Zügen. Wenn ich ihm behilflich sein könnte
fiel mir ein, seis auch nur im Erträglichermachen
seiner äußern Lage.
Noch heute Abend mußte ich
seine Bekanntschaft machen. Ich sann über die Worte
nach, wie ich ihn anreden wollte. Vielleicht, wenn er
die Zeitung wegschob: »Erlauben Sie, mein Herr?«
Oder auch: »Wie voll es heute wieder ist!«
Oder: »Die Bedienung fängt an, recht mangelhaft
zu werden.«
Und während ich einen einigermaßen
vernünftigen Anfang überdachte, ließ
er die Zeitung aus der Hand gleiten und sah in die Menge.
Ich platzte sofort los: »Mein
Herr, Sie scheinen ein Dichter zu sein.« Du lieber
Himmel, wie unsinnig! Das Wort war aber einmal gefallen
und nicht wieder rückgängig zu machen. Er
hatte auch vollkommen verstanden und antwortete: »Ja,
das bin ich! Ich bin der Dichter Franz Mäurer.«
Er hatte die Augen groß auf mich gerichtet und
schien von mir zu erwarten, daß ich anbetend zu
seinen Füßen sinken würde, eins seiner
Sonette oder was es sonst von ihm war, herzusagen. In
der Tat war es mir in diesem Augenblick peinlich, den
Dichter Franz Mäurer nicht zu kennen. Der Dichter
schien enttäuscht zu sein und sah gleichgültig
in den Saal, als ich, statt der von ihm sicher erwarteten
Antwort, sagte: »Mein Name ist Martens.«
»Aber Sie sind auch ein Dichter?«
»Keineswegs! Ich bin Besitzer
einer Nagelfabrik.«
»So interessieren Sie sich
für die Literatur?«
»Gewiß tue ich das
und mit ganzer Seele.«
»Ah,« seufzte Herr
Mäurer, »ah, allerdings ein seltner Fall
. . . in Deutschland . . . allerdings . . .«
Wir waren bald in ein lebhaftes
Gespräch über die literarischen Größen
unsrer Zeit vertieft. Herr Mäurer ließ mich
kaum zu Worte kommen. Sein hartes Urteil über wirklich
anerkannte Novellisten und Romandichter, sowie sein
unglaublicher Ungeschmack machten, daß ich an
dem Manne ganz irre wurde.
Als ich nach längerer Zeit
gewissermaßen von ihm Erlaubnis erhielt, zu sprechen,
bat ich ihn, neugierig geworden durch seine sonderbaren
Kritiken, ob er es mir erlaube, einen Einblick in seine
Dichtungen zu tun. Herr Mäurer machte eine triumphierende
Miene, stand auf und zog mich aus dem Saale mit den
Worten: »Kommen Sie, kommen Sie, Herr Martens!
Sie sollen von mir lesen und hören.«
Die ganze Szene hatte natürlich
kein Mensch bemerkt. Eine von den zahllosen Annehmlichkeiten
der Großstadt.
»Sie gehen mit, Herr Martens;
keine Widerrede! Ich bitte, trotz der vorgerückten
Stunde mich in meine Wohnung zu begleiten.« Dann
ging er wieder auf literarische Fragen über. An
einem Laternenpfahl blieb er stehen und sagte gedehnt:
»Wissen Sie, daß ich Homer langweilig finde,
namentlich in der Voßschen Übersetzung, und
die ist immer doch noch die beste. Sehen Sie sich, beim
Himmel! den Achill an! Ein Schlächterbursche. Nein,
Achill ist mir eine widerwärtige Figur«.
Er sagte wirklich »Figur«.
Ich war im Begriff, ihm heftig
zu erwidern, aber er ließ mir keine Zeit; plötzlich
sprang er von Achill zu »Hermann und Dorothea«
über. »Erlauben Sie, wenn mir Homer langweilig
ist, so ist es mir »Hermann und Dorothea«
erst recht. Mags an den Hexametern liegen, oder woran
immer: es ist mir langweilig. Ich begreife nicht, wie
Goethe ein solches Philistergedicht schreiben konnte.«
Ich war nahe daran, Herrn Maurer
einen Faustschlag ins Gesicht zu geben, besann mich
aber und sagte:
»Meine Zeit erlaubt es mir
leider nicht, länger Ihren Gesprächen zu folgen;
außerdem ist es bald Mitternacht, und morgen früh
muß ich . . .«
»O, ich bitte, Sie kommen
nicht weg,« erwiderte er hastig; und dann klang
es wie flehend: »Sehen Sie, nun eben, ach, seit
wie langer Zeit höre ich ein freundliches Wort,
fühle ich Teilnahme. Mein Gott, ja, ich schwatze
Ihnen zu viel; aber wenn man, wie ich, gezwungen ist,
die göttlichsten Gedanken« (er warf einen
Blick in die Sterne) »stets bei sich behalten
zu müssen, da tut es so wohl, wenn . . .«
Herr Mäurer schwieg, und schweigend
gingen wir eine gute Strecke. Plötzlich blieb er
stehen und sah mich an: »Ich merke, Sie sind neugierig,
weshalb Sie mich im Saal so nachdenklich gesehen haben.
Dort dichte ich!« Die letzten Worte sprach er
mit gehobner Stimme. Dann fuhr er fort: »Ich muß
Ihnen sagen, daß ich zwar in recht angenehmen
Verhältnissen lebe, jedoch um diese meiner Frau
und Tochter und mir selbst zu erhalten, muß ich
arbeiten, und diese Arbeit besteht in Romanschreiben
für kleine Blätter. Dies Geschäft bringt
mir ein recht gutes Stück Geld ein. Ich betreibe
es täglich von acht Uhr morgens bis in den Spätnachmittag.
Vollständig wie im Schlafe. Doch ich erzähle
Ihnen später davon . . .«
»Aber, Herr Mäurer,
weshalb ruhen Sie dann nicht von Ihrer Arbeit aus, statt
abends mit und in der Welt zu leben, zu dichten . .
.«
»Aber das ist ja meine Erholung;
da kommen mir die göttlichsten Gedanken.«
Wir waren an einem hohen Hause,
einer sogenannten Mietskaserne, in einer engen, abgelegnen
Straße stehen geblieben. Die Gegend gehörte
nicht zu den besten.
Herr Maurer sagte: »Wenn
ich nicht so glücklich wäre, einmal einen
Menschen gefunden zu haben, mit dem ich mich aussprechen
kann, würde ich Sie sicher nicht gebeten haben,
Herr Martens, mit mir drei Treppen hoch zu steigen.«
Es war dunkel im Hause. Ein unangenehmer
Kohl- und Fettgeruch, in so später Stunde, machte
sich bemerkbar. Auf der zweiten Treppe stolperten wir
über einen Betrunknen. Irgendwoher klang Klaviermusik.
Der Fledermauswalzer wurde ziemlich gut gespielt. Dazwischen
klang es wie Gläserklingen und Gelächter.
Wir waren in seiner Etage angekommen. Er zog leise an
der Türklingel. Es kam niemand. Er zog stärker.
Ein weibliches Wesen öffnete und sprach laut: »Na,
endlich Franz, wo bleibst Du denn so lange?«
Die Stimme verstummte, als ich
als Begleiter erkannt wurde. Noch immer standen wir
im Dunkeln. Ich hörte hin- und hertrippeln. Die
Musik verstummte plötzlich, ebenso das Gläserklingen
und das Gelächter.
Eine Tür wurde geöffnet,
und wir traten in ein großes Zimmer, aus dem die
letzten Reste eines Abendessens rasch weggeholt wurden.
Ich sah, daß eine Zwischentür klaffte, hinter
der wir durch den Spalt beobachtet wurden. Eine fette
Stimme sagte ziemlich laut: »Herrgott, wen hat
er denn da wieder aufgegabelt.«
Ich hatte wenig Zeit, mich im Zimmer
umzusehen, denn Herr Maurer begann sofort, nachdem wir
an einem großen Tische Platz genommen, mich mit
seinen »Dichtungen« bekannt zu machen. Es
war mittelmäßiges Zeug, ohne jede Ursprünglichkeit.
Die berühmten Dichterworte: wallen und kosen wiederholten
sich beständig. Es kos»e«ten nicht
nur die Tauben, die Spatzen, die Menschen, sondern auch
einmal die Kaninchen. Es »wallten« nicht
nur die Haare, die Nebel, die Tannen, die Lüfte,
sondern auch die Gefühle. Ich hörte schon
lange nicht mehr auf die mit vielem falschen Pathos
vorgetragnen Gedichte, sondern sah mich in dem Raume
um. Alles schien wie besät mit Papierschnitzeln,
auf denen wahrscheinlich die »göttlichsten
Gedanken« gekritzelt waren.
Die »göttlichsten Gedanken«
war sein Lieblingsausdruck.
Vor einem öden Schreibtisch
stand ein harter schäbiger Stuhl. Hier war die
Fabrik der »spannenden« Romane, der »sinnigen«
Novellen. Hier sklavte der arme Herr Mäurer täglich
viele Stunden lang, um Frau und Tochter zu ernähren
und in recht »angenehmen Verhältnissen«
zu erhalten.
Plötzlich wurde der Versedrechsler
im Lesen unterbrochen. Dieselbe Stimme von vorhin rief
aus der Türspalte »Franz!«
Franz sprang sofort auf und eilte,
sich bei mir entschuldigend, ins Nebenzimmer, dessen
Tür aus Versehen angelehnt blieb. Ich hörte,
wenn auch im Flüsterton gesprochen wurde, deutlich:
»Warst Du bei Baron Meier? Hast Du die dreißig
Mark von ihm erhalten?«
»Nein, ich war nicht da,
Agnes, ich war nicht da. Ich ertrage es nicht mehr,
diese ewige Bettelei; ich ertrage es nicht mehr! Ihr
könntet wohl auskommen mit dem, was ich für
Euch verdiene.«
Ich räusperte mich, es wurde
nicht bemerkt. Die Frauenstimme fuhr leidenschaftlich
fort:
»O, Du Feigling! Verhungern
läßt Du uns! Verhungern!«
Dann sagte sie leise, aber in scharfem,
befehlendem Tone: »Wen hast Du da mitgebracht?
Er ist gut angezogen, forsche ihn aus; wenn er wohlhabend
ist . . .«
Jetzt wurde mir die Sache denn
doch zu arg. Ich sprang auf und schloß mit Geräusch
die Tür.
Gleich darauf erschien Herr Mäurer.
Er sah blaß aus, und sich in den Stuhl zurücklehnend,
sagte er tonlos:
»Ach, Sie glauben nicht,
wie schrecklich das ist, Tag um Tag acht bis zehn Stunden
gedankenlos Romane schreiben zu müssen. Und sehen
Sie hier« (er zeigte mir eine Masse Briefe und
Papiere, die er einer Schieblade entnahm):
»Siebzehn Blätter bestellen
zum Geburtstage Seiner Majestät Gedichte. Und immer
kommt darin vor: Heldenkaiser – Lorberreiser.
O, wie ich mich schäme, unsern Kaiser stets so
anzuleiern! Aber es fehlt mir in der Tat die Zeit, mich
ernstlich zusammenzunehmen. Bedenken Sie: Siebzehn Blätter!
Und die Gedichte dürfen doch nicht alle gleichlauten.
Freilich, freilich, da hab ich so mein Methodchen .
. . Für morgen ist ein Polterabendscherz bestellt,
für übermorgen zwei Grabgedichte, für
Donnerstag Ansingung des Bureaupersonals an ihren jubiläumfeiernden
Chef; und so fort und so fort. Aber es bringt Geld.
Die Masse tuts . . . Hier, nehmen Sie mit, da können
Sie einmal zu Hause lesen, was von mir von den Redaktionen
verlangt wird . . .«
Unglaublich! . . . Ich nahm diese
Briefe mit nach meiner Wohnung.
Einige mögen hier folgen:
Sehr geehrter Herr!
Wir teilen Ihnen mit, daß
wir Ihren Roman für den Abdruck in unserem Blatte
akzeptieren, jedoch mit dem Vorbehalte einiger unerläßlicher
Änderungen: Louise darf nicht sterben, werter Herr;
sie kann sich vielmehr mit Eduard sehr wohl versöhnen
und ihn heiraten. Auf den guten Schluß kommt immer
sehr viel an; das Publikum will sich nicht verstimmen
lassen. Wir haben erfahrungsmäßig jedesmal,
wenn der Roman ohne Hochzeit endete, eine Anzahl Abonnenten
verloren. Ferner der Titel! Der muß uns ganz überlassen
bleiben. Sie haben »Streiflichter« gewählt,
aber diese Bezeichnung ist völlig unmöglich,
viel zu kurz und den weniger Gebildeten verdächtig.
Wir nennen den Roman: »Das Geheimnis des Polizisten
oder: Ein Opfer des Zeitgeistes«. Auch vermissen
wir die Namen »Werner« und »Walter«.
An diese hat sich das deutsche Lesepublikum nun einmal
gewöhnt. Sie dürfen in keinem Roman, in keiner
Novelle fehlen. Sollen Sie ferner den » Maler«
nie vergessen.
Ihrer gefälligen Rückäußerung
entgegensehend usw.
Ein anderer lautete:
Keinerlei Tendenz, werter Herr,
das ist die erste Bedingung. Unser Blatt soll möglichst
in jedem Hause seine Stätte haben, es darf also
das Gebiet der politischen und sozialen, insbesondere
aber der religiösen Fragen absolut niemals berührt
werden. Sensationell, das ist die Hauptsache, spannend,
wühlend. Wir pflegen pro Tag 326 Zeilen Roman zu
geben. Sie würden uns also sehr verpflichten, wenn
Sie Ihre Arbeit so einrichten wollten, daß dieses
Quantum jedesmal mit einer Frage oder dergleichen schließt,
z. B.: »Die Tür öffnete sich! Wilhelmine
fuhr mit einem Schrei zurück, sie war leichenblaß
geworden. Adolar stieß sich das Messer in den
Busen!«
Das veranlaßt diejenigen,
welche Einzelnummern kaufen, nun auch die folgende zu
nehmen. Usw.
Ein dritter:
Werter Herr!
Remittieren anbei dankend Ihre
Sendung. Druckten wir das, so würde man uns steinigen.
Der verlobte Rittmeister scherzt abends um elf Uhr mit
der Gouvernante im Garten, während gegen den Schluß
des Romans sogar herauskommt, daß Komtesse Ida
die illegitime Tochter der Geheimrätin ist. Das
geht durchaus nicht – unsere Zeitung wird von
Backfischen gelesen, da hat man Rücksichten zu
nehmen. Usw.
Ein vierter:
Werter Herr!
Besten Dank für Ihre willkommene
Einsendung. Der Roman gefällt uns so sehr, daß
wir eine andere Arbeit zurückstellen, um mit der
Ihrigen den neuen Jahrgang zu beginnen. Nur eine kleine
Bitte möchten wir Ihnen ergebenst vorlegen: Das
mittlere Kapitel, das erste des zweiten Bandes Ihrer
Erzählung spricht am meisten an. Wir bestimmen
es daher zum Anfang und ersuchen Sie, die dadurch nötig
werdenden kleinen Änderungen schleunigst vornehmen
zu wollen, da das erste Stück schon gesetzt ward.
Haben Material für dreizehn Nummern, alsdann bitten
gefälligst höflichst um Fortsetzung usw.
Ein fünfter:
Geehrter Herr Mäurer!
Wir danken bestens für das
uns übersandte Manuskript, obwohl wir leider den
Druck desselben ablehnen müssen. Reflexionen, geschichtliche
oder gar politische Rückblicke, überhaupt
Betrachtungen irgend welcher Art, Gedanken insbesondere,
sind vollständig ausgeschlossen. Das Publikum will
unterhalten, aber nicht belehrt sein; es ist daher auch
ganz unstatthaft, die Werke unserer großen Tondichter
in den Nahmen der Erzählung hineinzuziehen, indem
man einfach sagt: Chopins Sonate, Opus soundsoviel oder
dergleichen. Wer das nicht versteht, ärgert sich,
und das müssen wir strengstens vermeiden. Bedarf
es einer poetischen Reminiszenz, so bleibt man bei den
Volksliedern, wie: »Steh' ich in finstrer Mitternacht«,
»Mädel ruck, ruck, ruck an meine grüne
Seite« oder dergleichen. Das kennen alle. Usw.
Ein sechster:
Ihre Novelle, geehrter Herr, hat
uns sehr gefallen, so daß wir dieselbe nicht gern
ausschlagen möchten. Siebenunddreißig Romane
und Erzählungen müssen kontraktmäßig
der Ihrigen vorangehen, so daß der Druck erst
in drei Jahren stattfinden kann. An Honorar zahlen wir
per Druckbogen fünf Mark; für diesen Preis
überlassen uns die Verleger von Romanen den Stoff,
ehe er als Buch erscheint; wir brauchen daher nicht
teuer zu kaufen usw.
Ein siebenter:
Aber Geehrtester!
Bedenken Sie doch, daß unsere
Zeitung nur in frommen Familien gelesen wird; sie wird
streng von den Pastoren überwacht. Ihre Erzählung
gefällt uns sonst recht gut; wollen Sie also die
natürliche Tochter des Barons Felseck von Sternenstein
heraus nehmen, so akzeptieren wir.
Ein achter:
Wir senden hiermit, werter Herr,
Ihre Erzählung mit dem Bemerken ergebenst zurück,
daß wir gerne gesonnen sind, sie zu akzeptieren,
wenn Sie sich entschließen können, noch stärker
aufzutragen. Sie können bis an die äußerste
Grenze des Erlaubten gehen, jedoch so, daß wir
nicht mit der Staatsanwaltschaft in Konflikt kommen.
Wenn Sie übrigens schreiben im dritten Kapitel:
»Der junge Schneiderssohn in seiner ausschweifenden
Sinnlichkeit begehrte die blonde Komtesse Aurelie«
– so ist das vielleicht doch zu starker Tabak.
Das müssen Sie mildern oder poetischer fassen.
Usw. usw.
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