Roggen und Weizen
Übungsblätter
Der erledigte Auftrag
Der erledigte Auftrag
»Du schreibst mir, lieber
Fritz, daß Du in acht Tagen nach Berlin willst.
Darf ich Dich abermals mit der Bitte belästigen,
in betreff meines kleinen Adolfs nach dem Rechten zu
sehen? Er ist nun sechs Jahre alt geworden. Du hattest
schon mehrfach die Güte, ihn aufzusuchen und mir
dann Bericht zu geben. Ich wohne leider so weit entfernt
. . .«
In Berlin ging ich gleich am Abend
nach meiner Ankunft in das mir bekannte Haus. Die Gaslaternen
versteckten sich düster und öde im Rieselnebel.
Leerer und leerer wurden die Straßen. Betrunkne
begegneten mir. In den Branntweinschenken saßen
und standen bezechte, stiere, wütend blickende,
lachende, schlecht gekleidete Männer. Der Wirt
mit aufgezognen Hemdärmeln bediente sie.
Vor der Tür meines Zieles
bleib ich stehn. Die Fenster im zweiten Stock sind erleuchtet.
Ich trete ein und steige die kümmerlich erhellte
Treppe hinauf. Wie, wird Klavier gespielt im Zimmer?
Der Nanonwalzer rauscht mir mit scharfen, pedalbeschwerten
Tönen entgegen. Ein junges, hübsches, aber
gemein aussehendes Mädchen »haut ihn herunter«.
Hinter ihr steht ein nach neuester Mode gekleideter
Beau. Im Sofa, in die Ecke geschoben, den Zeigefinger
im Munde, sitzt der kleine Adolf und lauscht gespannt
auf den Tanz.
Die Musik verstummt. Der Stutzer,
das Mädchen, der Knabe starren mich an. Der Beau
scheint eifersüchtig werden zu wollen, er schaut
bald mich, bald das hübsche Fräulein an. Ich
überwinde rasch die allseitige Verlegenheit. Der
Nanonwalzer wird wieder »heruntergerissen«.
Ich sitze neben dem Kinde auf dem Sofa. Er hat seine
Ärmchen scheulos um meinen Nacken gelegt, und die
großen schwarzen Augen lächeln mir ohne Furcht
zu. Er spricht kein Wort.
Nun erscheint auch die Pflegemutter.
Sie sieht gutmütig aus; spricht, aus Verlegenheit,
ein wenig zu rasch hintereinander. Der Junge hält
entschieden viel von ihr. Aber es ist doch nicht Alles
so, wie es sein soll.
»Lieber Christian! Ich habe
Deinen Auftrag gern erfüllt. Ich fand nicht Alles
so, wie ich es früher getroffen habe. Nimm Deinen
Jungen weg. Erschrick nicht, noch ist keine Gefahr.
Er ist körperlich gesund. Seine Pflege ist gut.
Aber in die Seele des Kindes senkt sich so leicht der
Dunst des Lebens und wird, ohne daß wir es merken,
zur Kruste. Du weißt, ich bin kein Moralprediger,
ich auch am wenigsten dürfte es sein, dennoch ruf
ichs Dir zu: Sie starb um Deinetwillen. Nimm Deinen
Jungen zu Dir, nimm ihn an Dein Herz, kehre Dich nicht
an die Welt, an die Menschen; was würde dann aus
uns? Wir stehen ja doch nur immer auf uns selbst allein.
Einigermaßen war ich erstaunt
über das Wort in Deinem letzten Schreiben: Tritt
den Menschen, diesem hämischen Lumpenpack, nur
immer die Stiefelabsätze in die Augen. Ich muß
gestehn, daß ich von jedem andern, als von Dir,
dem hohen Staatsbeamten, dem immer gleich vorsichtigen,
feinen Manne diese Bemerkung erwartet hätte. Ein
leises Lächeln konnte ich nicht unterdrücken
. . .«
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