Kriegsnovellen
Der Richtungspunkt
In zwei Schlachten und einigen
heftigen Scharmützeln hatte ich schon meine Kompagnie
zu führen die Freude gehabt. Für morgen stand
der dritte Strauß in Aussicht. Wir lagen, in Massen
auf beiden Seiten, der Feind und wir, uns nah gegenüber.
Es war nachmittags vier Uhr. Ich
hatte eben die Gewehre nachgesehen und saß nun
mit meinen Offizieren unter Haselnußgesträuch.
Unser Gespräch drehte sich um den letzten Zusammenstoß.
Meine Kompagnie, die einen Verlust von zwei Leutnants
und hundertundsieben Mann erlitten hatte, war notdürftig
wieder zusammengeflickt. Ehe der Ersatz aus der Heimat
uns einholte, mußte ich mit dem Rest, so gut es
ging, weiter. Jeder Hauptmann kennt seine Leute, ihre
Eigenschaften, Gemütsart, Begabungen, Veranlagungen,
ihre häuslichen Verhältnisse. Er ist ganz
mit ihnen verwachsen: was Wunder, wenn die Lücken
schmerzlich empfunden werden, wenn er manchen vermißt,
den er in schwerer Friedensarbeit erzogen hat. Im Kriege
macht sich enge Kameradschaft geltender zwischen Vorgesetzten
und Untergebenen, als in ruhigen Zeiten. Das liegt in
der Natur der Sache.
Und wir saßen, gebräunt
wie die Zigeuner, unter dem Haselnußbusch. Um
uns her flackte das webernde Leben des Biwaks. Aus den
Feldkesseln zog der Dampf des kochenden, ganz frischen
Kuhfleisches. Oft gegen den aufschlagenden Dunst sich
mit der Linken die Augen schützend, schöpften
die Soldaten emsig mit ihren an hölzernen Stielen
befestigten Löffeln den brodelnden Schaum ab. Sie
schnitten dabei, sich mit dem Kopfe abwendend, zuweilen
recht wunderliche Gesichter, kam ihnen der Brodem zu
stark in die Nase. In einer Stunde hegten wir die Erwartung,
uns des Genusses dieser nichts weniger als zarten und
wohlschmeckenden Speise hingeben zu können. Lagerbier,
im wirklichen Sinne des Wortes, aus den Fässern
der Marketender (diese Zählinge waren uns bis heute,
höchst dankenswert, gefolgt) sollte zum Hinunterspülen
helfen.
Während unserer lebhaften
Unterhaltung erschien unerwartet, zu Fuß, mein
Regimentskommandeur und teilte mir mit, daß ich
zum Adjutanten des Oberbefehlshabers, dem in den letzten
Tagen zwei Offiziere aus seinem Stabe angeschossen waren,
ernannt sei. Wie gern wäre ich bei meiner Kompagnie
geblieben.
Schon nach einigen Minuten hatte
ich sie um mich versammelt, um ihr meinen Weggang bekannt
zu machen und sie ihrem neuen Führer, einem Oberleutnant,
zu übergeben. Dieser Oberleutnant und ich fühlten
nicht die gleichgestimmtesten Herzschläge für
einander. Es ging mir wie ein Stich durch die Brust,
als seine feine, überlaute, hastige Stimme an mein
Ohr schlug: »Die Kompagnie hört auf mein
Kommando.« Am andern Tage, in veränderter
Lage, vernahm ich die gleichen Worte bis auf die Silben
»mando«, die der Tod einem andern Kameraden
von den Lippen wegbiß.
Ich fand, schon nach einer halben
Stunde, den Kommandierenden, um ihm meine Meldung abzustatten,
in einem einzeln stehenden Bauernhause. Er bog sich
über Karten, die mit langen buntköpfigen Stecknadeln
bespickt schienen. Seine ganze Begleitung, in ehrerbietiger
Zurückhaltung, stand hinter ihm. Ihm zunächst
der Chef des Stabes, an den er ab und zu Fragen richtete,
die dieser schnell und sicher, mit gleichbleibender,
sich nie hebender oder senkender Stimme beantwortete.
Gegen den Chef des Stabes, den ich schon von der Garnison
her kannte, hatte ich, wie man zu sagen pflegt, eine
Pike. Sein fürchterliches Mathematikherz, das auf
der weiten Gotteswelt keine Freude, keine Lust kannte,
als die Freude und die Lust des Rechnens und Berechnens,
flößte mir von jeher ein Grauen ein. Sein
fahlblasses, auch durch den stärksten, unaufhörlichsten
Sonnenschein nicht um einen Ton gefärbtes Gesicht
mit der ewig finstern Stirn, mit den blutlosen, schmalen
Lippen, die niemals lachten oder lächelten, mit
den kalten grauen Augen war mir schrecklich. Auch dem
General, wie ich sehr wohl wußte, war er unheimlich.
Nur die unglaubliche, nie ermüdende Arbeitskraft,
das gänzliche Aufgehen in die Pflicht der Stunde,
die Schweigsamkeit dieses Generalstabsoffiziers, zwang
auch mich, wie uns alle, ihm Bewunderung und Hochachtung
zu schenken.
Die übrigen Offiziere des
Stabes waren mir ebenfalls aus der Garnison bekannt.
Besonders in mein Herz geschlossen hatte ich den dicken,
fröhlichen, lachenden Husarenmajor, der seine Munterkeit,
Gutmütigkeit in allen Lagen des Lebens bewahrte.
Als der General mich bemerkte,
trat ich auf ihn zu und machte ihm meine Meldung. Er
sagte mir einige verbindliche Worte und schloß
mit einer seiner trocknen, nie verletzenden, witzigen
Bemerkungen, die ihm stets zu Gebote standen. Alles
lachte – ich war die Zielscheibe gewesen –,
nur der Chef des Stabes musterte mich mit strenger Miene,
um dann mit seinen wie gestochen aussehenden Buchstaben
irgend ein Merkzeichen in sein Notizbuch zu schreiben.
Den General, ja, den liebte ich.
Gleich ernst und schweigsam wie der Chef seines Stabes,
von heiligster Pflichterfüllung beseelt, gab sein
ganzes Leben den Menschen eine große Sonne der
Güte. Wo er konnte, half er. Manchen leichtsinnigen
jungen Offizier, dessen hüpfendes, warmdämpfiges
Blut einmal aus dem rechten Weg ausgesprungen war, leitete
er in die alte Bahn, wenn es irgend zu ermöglichen
war. Ich bin nach meiner Kenntnis von ihm fest überzeugt,
daß er im Grunde wenig von den Menschen hielt;
daß er genau wußte, in welchen Kreisläufen
sich alles bewegen muß bei ihnen. Dennoch ließ
er nicht nach in seiner milden Liebe. Ein wenig spottsüchtig
war er. Aber seine Spötteleien flossen ihm harmlos
von den Lippen. Er war zu klug, um nicht dies Thürlein
offen zu halten, daß ihm der Seele Schweres nicht
zuweilen entschlüpfen konnte. Trat einmal in seiner
Gegenwart eine Dummheit zu stark zu Tage, dann allerdings
hatte sein Bogen Pfeile zu versenden, die tüchtige
Wunden rissen.; doch selbst in diesen Fällen mußte
ihm der Getroffene verzeihen für das liebenswürdige
Lächeln, das alles wieder gut machte.
Der General, als er sich von den
Karten erhoben und meine Meldung angenommen hatte, wandte
sich zu uns und meinte, daß er sich über
einen Punkt im Vorlande, aus dem er in den Plänen
nicht klar werden könne, selbst unterrichten wolle.
Er bäte uns, mit ihm nach einer halben Stunde zu
Pferde zu steigen. Mir befahl er, einen Zug des 7. Garde-Ulanen-Regiments
zum Mitritt zu beordern.
Bald langten die Lanzen an, geführt
vom Leutnant Grafen Kjerkewanden. Auch für den
folgenden Tag behielt der General diesen Zug zu seiner
besonderen Verfügung.
Graf Kjerkewanden, mir bisher nicht
bekannt, ein äußerst ruhig scheinender, bescheidener
Offizier, hatte in seinem wachsbleichen Gesicht zwei
fast asiatisch schiefliegende dunkelbraune Augen. »Der
wird morgen zuerst fallen; der Tod sitzt schon in seinem
Blick,« flüsterte ich dem dicken Husarenmajor
zu. »Ach was, machen Sie keene Geschichten,«
antwortete dieser lachend. Durch sein Lachen aber klang
ein leiser Vorwurf gegen mich.
Schlag sechs Uhr setzten der General
und wir uns in Bewegung. Wir trabten fast von der Stelle
auf, in jenem gleichmäßigen, schlanken Vorwärts,
in dem ein gutes Pferd ohne Störung Meilen zurücklegen
kann. Der Ulanenzug folgte uns. Während des Durchtrabens
des Biwaks, der Dörfer, Gehöfte kamen von
allen Seiten die dort Befehlenden an den General heran,
um zu melden. Die zur Zeit im Sattel Sitzenden setzten
die Sporen ein, um heranzupreschen. Allen diesen Herren
dankte der Oberbefehlshaber, nach rechts und links in
unnachahmlicher Grazie mit der Hand flüchtig grüßend,
mit dem Kopfe leicht, verbindlich nickend, sie hierdurch
von der näheren Meldung entlastend. Alle Augenblicke
wäre sonst ein Aufenthalt geboten gewesen.
Durch den glühenden Sommertag,
dessen Hitze durch einen kräftigen Nordost gemildert
wurde, trabten wir weiter und weiter. Im Staube blitzten
unsre Uniformen. Wir trabten, ohne uns zu unterhalten,
der General eine Pferdelänge voraus, durch den
dichten Truppenmantel. Immer dünner, spärlicher
ward er. Nun fegten wir in die Vorposten hinein. Allmählich
waren wir, so zu sagen, aus dem heiteren Biwaksleben,
aus der sorgloseren Haltung in den ganzen Ernst des
Krieges gekommen, gewissermaßen in das Zusammengeschnalltere,
Geschlossenere. Endlich hielten wir bei einem Doppelposten
der Feldwache Nummer dreizehn. Die beiden Soldaten standen
nach ihrer Vorschrift, mit Gewehr über, Gesicht
nach dem Feinde, neben dem General. Der Feldwachkommandeur
kam und meldete. Seine Antworten auf die Fragen des
Höchstkommandierenden waren sicher und klar. Es
war ein Vergnügen ihm zuzuhören.
Der Oberbefehlshaber, der in seine
Karte gesehen, bat um Aufklärung, wo L'arbre, wie
ein einzelner Punkt in der vorliegenden Ebene genannt
war, zu finden sei. Der Leutnant führte uns zum
nächsten, südlich stehenden Doppelposten.
Von hier aus sahen wir mitten in der Sandfläche
auf einem Hügelchen einen einzeln stehenden großen
Baum. Er sprang, ohne daß wir die Krimstecher
zu gebrauchen gezwungen waren, ganz deutlich uns in
die Augen. Eine halbe Stunde nur mochte er von uns entfernt
sein. Der General erklärte uns erst jetzt, daß
er diesen Baum habe sich selbst ansehen wollen. Wir
alle suchten eifrig auf der Karte und fanden bald den
Punkt: L'arbre genannt. Berichte über ihn, sprach
der General weiter, seien ihm bisher in keiner Meldung
zugegangen. Er schloß, sich zu mir wendend: »Wollen
Sie, in Begleitung des Zuges sich sofort dorthin begeben,
eine kleine Zeichnung aufnehmen und mir mündliche
Meldung namentlich darüber geben, wie sich von
dem Punkt aus die Umgebung zeigt, was überhaupt
von dort aus, und wie es gesehen wird. Ist der Erdhügel
stark besetzt, so werden Sie sich in kein Gefecht einlassen.«
»Zu Befehl, Excellenz.«
Der General und die Offiziere seines
Stabes empfahlen sich. Ich erkundigte mich beim Feldwachtkommandeur,
ob Horchkommandos, größere und Schleich-Patrouillen
zur Stunde im Vorlande wären, prägte mir und
den Ulanen noch einmal Losung und Feldgeschrei ein und
setzte mich dann mit Kjerkewanden in Anmarsch. Das ausgedehnte
Land schien leer wie eine Sandwüste. Doch fanden
wir nördlich eine geringe Mulde, in der wir, ungesehen
vom Baume aus, vorrücken konnten. Das kostete uns
ein Viertelstündchen mehr Zeit; aber wir hatten
eben dadurch den Vorteil, bis hart ans Ziel, unbeobachtet
von dort, vordringen zu können.
Ich hatte dasselbe Gefühl,
das ich immer gehabt habe, wenn ich der letzten Postenlinie
entrückt bin, bei Ausführung von größeren
Patrouillen und Aufstellung von Horchkommandos. Ich
möchte sagen: Es kam mir dann jedes Mal vor, als
sei ich auf einem ganz fremden Stern, auf dem es so
einsam war, daß selbst keine Tiere dort lebten.
Ja, ich bildete mir ein, daß sogar Vögel
und Insekten fehlten. Und in der That, die Öde
dieser menschenverlassenen Strecken, die zwischen den
beiderseitigen Vorposten liegen, hat etwas Geheimnisvolles.
Wie beim Jagen, wie denn auch beim jedesmaligen Ausgang
eines frischen Menschenkindes durch die Natur, so namentlich
bei diesen Ausforschungen im Vorlande nach dem Verlassen
der Doppelposten der Feldwachen heißt es: Augen
auf! Jedes Gesträuch, jeder Stein, jede kleinste
Erhebung oder Senkung ist uns unbekannt wie auf dem
Uranus: wer, was kann dahinter stecken und sich verstecken?
Ein Schuß, aus großer Entfernung selbst,
kann uns in jeder Minute vom Sattel in den Sand Rad
schlagen lassen. Alle Befehle werden flüsternd
gegeben: Winke mit dem Säbel, mit dem Kopfe, mit
den Händen statt lauter Worte. Minutenlanges, ja
stundenlanges Kleben hinter einem Erdhaufen wie lauernde
Panther. Ich kenne kaum im Leben etwas, das mehr die
Seele in höchste Spannung setzt.
Graf Kjerkewanden und ich trabten
dem Zuge, der wegen der Enge der Mulde oft zu Einem
abbrechen mußte, voraus. Ich hatte den jungen
Czapkaträger gebeten, er möge, wenn es uns
gelänge, unbemerkt an den Hügel zu kommen,
rasch dort aufmarschieren lassen und im Angriff auf
Hügel und Baum lossprengen. Man könne nicht
wissen . . .
Und wir kamen wirklich unbehelligt
so nahe heran, daß, nachdem wie der Blitz der
Zug aufmarschiert war, der Graf kommandieren konnte:
»Zur Attacke Lanzen gefällt! Marsch, marsch!
Hurra!« Und vor den langen, eingelegten Kitzelstöcken
rasten Kjerkewanden und ich mit geschwungenen Säbeln
auf den Baum los. Kein Mensch zeigte sich, keine Kugel
zischte uns um die Ohren. Nur ein Fuchs sprang auf.
Das erste lebende Geschöpf, das wir erblickten.
Er verschwand im Hügel vor uns, wie das aufgescheuchte
Reh, das einst der gute »Pfalzgraf am Rhein«,
Herr Siegfried (aus Genoveva, dem Trauerspiele der Verleumdung.
Hätte Shakespeare den Stoff gekannt!) aufgespürt
und verfolgt hatte, und Genoveva mit ihrem Schmerzensreich
stand vor uns. Zwar war sie es nicht, und auch der gehetzte
Fuchs legte seine Glieder nicht an sie an; wohl aber
streckte uns ein junges Mädchen die Arme flehend
entgegen: ein todängstliches Kind schmiegte sich
an sie; sie wollte es vor uns beschützen. Hinter
diesen beiden humpelte ein wohl hundertjähriger
Greis am Stocke. Er kicherte freundlich-blödsinnig
vor sich hin, wackelte fortwährend mit dem Haupte
und schien, wie eine kauende Kuh, Brot zwischen den
zahnlosen Kiefern zu zerreiben.
Die Ulanen nahmen die Lanzen auf
die Lende.
Die drei Menschen waren aus einem
Häuschen getreten, das wir nun erst entdeckten.
Es lag wie eine Höhle im Erdhügel. Und auf
diesem Hügel stand in riesiger Größe:
L'arbre, eine Esche mit prächtigem Gezweige. Unter
ihrem Schatten nicht allein, auch unter ihren Wurzeln
wohnten die drei. Wir erfuhren bald, nachdem wir uns
überzeugt hatten von jeder Abwesenheit des Feindes
hier, daß Monsieur Regnier mit Enkelkind und Urenkel
diesen Platz sein Eigen nenne.
Trotzdem wir weitesten Blick hatten,
wie vom Decke eines Schiffes auf offener See, ließ
Graf Kjerkewanden die vorgeschriebenen Sicherungen nicht
außer acht. Ich selbst machte mich sofort an die
Zeichnung und richtete vor allem meine Aufmerksamkeit
darauf, was es von diesem an und für sich durch
seine Winzigkeit unwichtigen Punkte aus im Umlande zu
sehen gäbe. Ich schrieb mir Schlagworte zu diesem
Zweck in mein Notizbuch, verglich nach der Karte die
Umgebung und fand alles übereinstimmend. Die Ebene,
die an den Rändern mit Dörfern, Gütern,
Höfen, Weilern, einzelnen Gebäuden übersäet
schien, hatte um den Hügel die ungefähre Ausdehnung
eines Geviertkilometers. Diese Wüste war flach
wie ein Pfannkuchen. Vor dem eingegrabenen Häuschen
lag ein bunter Wiesenfleck, eine Oase, die den Garten
ersetzte. Taubnessel, hellgelbe Syrupsblumen, rote Futterwicken,
Baldrian, Gundermann, Klappertopf, Kamillen, Männertreu
wucherten durcheinander. Bin ich denn damals ein Pflanzen
suchender und Pflanzen bestimmender Apotheker gewesen?
Ich denke, nein. Und doch sind alle die Blumen und Kräuter
in meinem Gedächtnisse haften geblieben. Es mag
wie ein Traum gewesen sein, daß ich, und wärs
eine Zehntelsekunde nur geschehen, das Friedensbild
in mich aufgesogen.
Als ich mit meiner Zeichnung und
mit der Eintragung meiner Festsetzungen fertig geworden
war, sah ich wie zufällig in die Höhe der
majestätischen Esche. Über ihr im wolkenlosen
Blau zog ein Geierflug. Er mochte Witterung haben .
. . Die acht Kirchtürme, die von unsrer Sandburg
erschaubar, gleißten im Abendsonnenschein. Nahm
ich mich in diesem Augenblicke als eine gemütliche
dicke Kreuzspinne an, die mitten in ihrem Netze aufpaßt,
so hätten meine Fäden den nächsten Anhalt
gehabt im Süden an einer Wagenfabrik, im Norden
an einem Schlößchen.
Als ich meinen Handriß in
die Satteltasche geschoben hatte, sah ich mich nach
meinen Ulanen um, um den Befehl zum Rückritt zu
geben. Ein malerischer Anblick überraschte mich:
Unter einem Goldregenbusch, der trotz des Julitages,
den wir heut durchlebten, noch in voller Blüte
stand, unter diesem, dem einzigen Gesträuch bei
dem Riesenbaume, hielt der Leutnant. Er bog sich lächelnd
zu dem ihm seitwärts, etwas erhöht stehenden
Mädchen hinunter und hielt ihre auf den Sattelknopf
gelegten Hände mit den seinen gefangen. Auch sie
lächelte zu ihm hinauf. Es war wie im tiefsten
Frieden. Leider mußte ich die kleine Liebesscene
unterbrechen: »Wenn es Ihnen recht ist, lieber
Graf, so wollen wir aufbrechen.«
Als wir unterwegs waren, mußte
ich von dem jungen Offizier eine kleine Bosheit, wohl
aus leichtem Ärger über meine Störung,
einheimsen: ob nicht unser rasender Anritt mit den gefällten
Lanzen auf Baum und Hügel ein ganz klein wenig
Ähnlichkeit gehabt habe mit jenem Ansturm auf die
Mühlen, wie ihn ein berühmter spanischer Romau
erzähle.
Noch vor Dunkelheit erreichten
wir die Doppelposten. Bald sprang ich von meiner Stute
Gemma, die von meinem Burschen selbstverständlich
Emma genannt wurde, und brachte dem Oberbefehlshaber
Meldung und Handriß. Als ich mich zurückziehen
zu dürfen bat, unterließ ich nicht zu sagen:
»Erlauben Euere Excellenz eine gehorsame Bemerkung,
so wäre es die, daß ich den Baum morgen als
den besten Standpunkt wählen würde, von wo
aus die Schlacht zu leiten wäre.« »So
wäre es die, daß auch alte Excellenzen schon
diesen Gedanken gehabt haben,« antwortete der
General, mich leise verspöttelnd. Aber sein gutmütiges,
liebenswürdiges Lächeln brachte schnell eine
starke Röte zurück, die meine Wangen wegen
meiner ein wenig fürwitzigen Worte überströmen
wollte.
Bald kam die Nacht, und mit ihr
zog der Vollmond über den lichten Himmel. Aber
es war keine Nacht. Abend und Morgen, nur durch kurze
Sommerstunden von einem keuschen Dämmerungsschleier
geschützt, küßten sich die rosigen Lippen.
Zu drei Uhr morgens hatte der Oberbefehlshaber
den An- und Aufmarsch befohlen. Um einen kurzen Schlummer
zu thun, hatte sich der hohe Offizier in den breit ausladenden
Bauernsessel gelehnt. Indessen verlas der Chef des Stabes
die Schlachtordnung für den folgenden Tag und ließ
sie von etwa hundert herbeigeeilten Adjutanten durch
ihre Bleistifte festhalten. Alle schrieben eifrig. Laternen,
Windlichter und schnell hergerichtete Fackeln überhellten
den dichtgedrängten Kreis der Scheunendiele. Der
Oberst las langsam, jedes Wort messerscharf springen
lassend, ohne Tonfall: und jedes Häkchen paßte
in seinen Haken, und alles ging seinen Gang wie ein
tadelloses Uhrwerk. Oft allerdings wurde der Vorsagende
unterbrochen durch meldende Offiziere und Ordonnanzen,
die den Eingang zur Scheune wie in einem Bienenkorbe,
herein, hinaus, sich vorbeischiebend (ich möchte
sagen, die Flügel schließend, die Flügel
entfaltend), drängend, ausfüllten. Trat einer
heran, dann hielt der Oberst inne, las den überreichten
Zettel oder hörte die mündliche Meldung, um
gleich wieder, ohne das nächstfolgende Wort in
seinem Diktat verloren zu haben, in seinem Vortrag fortzufahren.
Einmal befahl er mir, den General zu wecken, um eine
Entscheidung einzuholen, die nicht in seinem Dienstkreis
lag. Der Höchstkommandierende hatte angeordnet,
ihn unter allen Umständen wach zu machen, wenn
ein Ereignis von Belang eingetreten, ein Wichtiges vorgefallen
sei. Ich trat sehr behutsam und sachte ein. Da ich ihn
wecken mußte, hätte ich nur gleich besser
mit Geräusch die Thür aufklinken sollen. Aber
so sind wir Menschen oft. Und sogar auf Zehen schlich
ich mich hin. Von der Lampe schwach beschienen, stützte
er die Stirn in die Linke; der Ellenbogen ruhte auf
der Stuhllehne. Er schlief. Ich wagte kaum, ihn zu rütteln.
Aber Rücksichten galten jetzt nicht. So tickte
ich vorsichtig mit dem Zeigefinger an seine Schulter:
»Excellenz haben befohlen« . . . Er stand
auf der Stelle vor mir, sagte mit seinem lieben Lächeln:
»Nun was giebts?« und antwortete sofort
und bestimmt und ohne zu zögern.
Um drei Uhr setzten wir uns zu
Pferde. Ich ritt wieder meine kleine hannoversche Stute
Gemma-Emma. Sie war eine tüchtige Springerin, hatte
flotte Gänge und konnte, das wußte ich, viel
Ausdauer zeigen.
Als der Chef des Stabes den Fuß
in den Bügel stellte, riß dieser. Nie werde
ich die kalten, höhnischen, wohlgesetzten, langsam
gesprochnen Drohworte vergessen, die er seinem blaß
gewordnen Reitknechte sagte. Tausend noch einmal: ein
paar feste Scheltausdrücke, ein Ohrenzupfen, und
der gutmütige Bauernjunge, der sonst so stramm
stets auf seine »Sachen« paßt, wäre
genug bestraft; und es wäre nicht wieder vorgekommen.
Dem General, der die Szene hatte anhören müssen,
war es augenscheinlich peinlich; er trieb seinen Braunen
an.
Und wir bewegten uns in den Tanz
hinein. Bis zur Unausstehlichkeit kamen mir in dieser
Minute die Kommandos aus dem Kontre in den Sinn, und
ich wiederholte fortwährend bei mir:
En avant deux,
Chaîne des cavaliers,
Balancez,
Demi-chaîne anglaise,
Traversez,
Chassez croisez,
Toutes les dames traversez le cavalier
au milieu,
Retraversez,
Balancez, en ligne à quatre,
Demi-ronde à gauche . .
.
Unerträglich. Endlich befreite
mich der dicke Husarenmajor. Fröhlich, lustig wie
immer, kalauerte, witzelte er, kitzelte seinen Gaul
hinter die Ohren, erzählte mir, daß er diese
Nacht eine Stunde »brillant« geschlafen
habe auf zwei Koffern des Herrn Corpsauditeurs. Dann
bot er mir eine dunkle Flasche an, die er seiner Satteltasche
entnommen hatte. »Ich setzt ihn an,« aber
ich kriegte keinen Tropfen zu fassen. Sie war leer.
Der Major, der solche Scherze liebte, lachte und schlug
sich vor Vergnügen den Schenkel. Was half da böse
Miene machen. Und gleich darauf, das kannten wir alle,
entwickelte der frohsinnige Husar ein andres Fläschchen,
das den besten Nordhäuser enthielt. Strafe muß
sein, und ich nahm einen langen, tüchtigen, gewaltigen
Schluck, »daß Euch die Thränen aus
den Fingerspitzen sickern,« wie mein alter, prächtiger
Sergeant Cziczan zu wettern pflegte, wenn er uns »Griffe«
üben ließ.
Der Oberbefehlshaber hatte am Schlusse
seiner Schlachtordnung bestimmt: Meldungen treffen mich,
wenn Umstände nicht andern Standort erheischen,
bis 7 Uhr früh auf Feldwache Nummer 13.
Dorthin trabten wir los.
Wir hielten da, wo wir von dem
Doppelposten aus L'arbre zuerst gesehen hatten.
Und alles war im Anmarsch.
Selbst als sich die Feldwachen
hatten aufnehmen lassen, blieben wir, wie der General
befohlen, noch an der genannten Stelle. Der Tanz begann:
En avant deux.
Einzelne Schüsse fallen Tag
und Nacht, wenn sich zwei große Armeen dicht gegenüber
stehen und sich Guten Morgen sagen wollen, von Patrouillen,
einsamen Posten. Bald ballerts hier, bald ballerts dort:
oft aus weiter Entfernung.
Die Zeit zeigte 5 Uhr 37 Minuten
früh, als das erste scharfe Geknatter hörbar
wurde. Im Umsehen war es heftiger. Geschützschläge
prasselten schon dazwischen. Wir saßen alle, mit
vorgehaltnen Krimstechern, mit Halblinks in den Sätteln
und schauten nach Südwesten, wo die Fabrik sich
in weißen Dampf hüllte. Wir sahen auch jene
dicken, graugelben, langsam aufsteigenden, langsam sich
verziehenden Wölkchen, die von den einschlagenden
Granaten, wenn sie den Sand aufgewühlt hatten,
herrührten. Ich setzte mein Glas ab und prüfte
noch einmal mit Augen und Hand Bügel, Gurten und
Riemenzeug: wußte ich doch, daß ich mich
bald zum Reiten fertig halten mußte. Auch flüsterte
ich meiner Stute zu: »Alte, aufgepaßt jetzt!
Nimm Dich zusammen!«
In des Generals Gesicht ging eine
leise Veränderung vor, der freundliche Zug um den
Mund verlor sich; die Lippen schlossen sich mehr und
mehr. Seine Hand glitt dreimal, viermal, gegen seine
Gewohnheit, schnell über die Mähne. Er riß
seinen Braunen ziemlich unsanft empor, als dieser sich
an dem vorgestreckten, rechten Vorderbein mit den Zähnen
rieb. Der Oberst hielt regungslos: er rechnete. »Passen
sie auf, jetzt zieht er gleich seinen Taschenzirkel
heraus. Die Logarithmentafeln werden folgen,«
zischelte mir der Major ins Ohr. Hinter uns wartete
Graf Kjerkewanden mit seinen Ulanen.
Das Gefecht schien an der Nagelfabrik
zum Stehen gekommen. Augenscheinlich war sie stark besetzt.
Immer bissiger und lauter kämpften dort zwei Doggen.
Der Oberbefehlshaber rief mich:
»Reiten Sie zur Fabrik und bringen mir, ich bitte
volle Gangart, Bericht.«
»Sehr wohl, Excellenz.«
Während ich wegritt, hörte
ich plötzlich auch lebhaftes Gewehrfeuer im Nordwesten,
am Schlößchen.
Ich that einen langgezogenen, grellen
Pfiff. Meine Stute kannte ihn: und während ich
mich ein wenig vorbog, griff sie aus, daß in immer
kürzeren Pausen der Huf die Erde berührte.
O Reiterluft. O Männertag.
Grad war von uns die Fabrik genommen,
als ich eintraf. Ich fragte nach dem Kommandierenden.
Ein hagerer General wurde mir gewiesen. Ich auf ihn
zu. Er trug im linken Auge das Einglas. Die Wange, hierdurch
etwas verschoben, gab dem Gesicht etwas Lächelndes.
Aber, o Wetter! wie sollte ich mich irren. Er »fuhrwerkte«
umher wie nichts Gutes: gab mir aber doch, als ich den
Befehl des Oberbefehlshabers vorbrachte, eine ruhige
Antwort. Noch während seiner Auseinandersetzung
griff der Feind mit verstärkten Massen wieder an.
Der General und ich sahen uns mitten im Getümmel.
Und wies kam; ja, Gott weiß, wie so etwas sich
ereignet im Gewühle einer großen Schlacht:
der General und ich befanden uns mit den verteidigenden
Bataillonen im großen, hohen Hauptgebäude.
Ich hatte mein Pferd mit hereinziehen können. Wir
waren gänzlich umzingelt. Niemals werde ich den
Höllenlärm, das furchtbare Getöse vergessen.
Die feindlichen Granaten schlugen, über die Köpfe
der Stürmenden weg, unaufhörlich, unabgebrochen
in die Fabrik. Zuweilen platzen sie auf den viele Zentner
schweren Ambossen: welch ein Rumor! Das Geschützfeuer
verstummte plötzlich. Die Franzosen setzten zur
letzten Anstrengung an. Aus den verrammelten Thüren,
aus den Fenstern, aus den rasch gebrochnen Schießscharten,
aus dem durchlöcherten Dache sandte unsre Infanterie
das rasendste Schnellfeuer. Da, im letzten, verhängnisvollsten
Augenblick kam uns Hilfe. Wir konnten wieder aus der
Fabrik hinaus. Der Feind wurde abermals geworfen. Meine
Stute und ich waren nicht vom kleinsten Granatsplitter
belästigt worden. Nun konnte ich wieder zum Oberbefehlshaber
zurück mit meiner frohen Botschaft. Aber noch saß
ich im Knäuel. Es kostete mir Mühe, mein Pferd
durch die Vorwärtsdringenden zu zwingen. Ich sah,
wie der General, dem der Gaul gefallen war, nach seiner
Brust griff und sank. Er ließ auch in dieser schmerzlichen
Minute den Kneifer nicht abschnellen. Ein junger, blonder
Adjutant kam mit wehendem Backenbart von irgend woher
herangeflogen; er suchte, suchte . . . will sein Pferd
anhalten . . . da läßt er den Zügel
fahren, wirft beide Arme hoch in die Luft, schwankt
zweimal hin und her wie ein allmählich frei werdender
Ballon und stürzt dann jählings zur Erde.
Aber ich habe jetzt wahrlich keine Zeit, Beobachtungen
zu machen. Über tausend Hindernisse muß ich
weg, über Rohre und Räder, Eisen und Axen,
Helme und Hufe, Tornister und Nüstern. Einmal bin
ich wie verfitzt in einem Schießbedarfswagenzug.
Ich fluche und schelte wie ein Bürstenbinder, um
wieder Luft zu kriegen. »Welcher Hundsfott schreit
denn da so,« hör ich eine grobe, tiefe Stimme.
Aber schon hab ich mich gelöst aus dem Tohuwabohu
und jage auf den Höchstkommandierenden zu, auf
der letzten Strecke die Zügel in jene mahlende,
kochtopfrührende Bewegung setzend wie beim Wettrennen.
Ich machte meine Meldung und bestieg
dann mein zweites Pferd. Die Gemma-Emma dampfte wie
in einem Schwitzbade . . .
Und abermals richtete sich unsre
ganze Aufmerksamkeit auf die Nagelfabrik, die wieder
umstritten wurde. Fort und fort warf der Feind frische
Truppen dorthin. Der Oberbefehlshaber sandte einen Adjutanten
an die in Reserve stehende 192. Infanterie-Division,
daß sie unverzüglich dahin abrücke,
um endlich Luft zu schaffen.
Auch am Schlößchen schien
kein Fuß breit gewonnen zu sein. Der Feind hielt
es zähe in seinen Fingern. Der General sandte mich
zur Berichterstattung hin, mir die Weisung gebend, nach
dem »Baume« den Rückweg zu nehmen,
wohin er sich jetzt begeben wolle. Mehr und mehr hatte
es den Anschein, als wenn Freund und Feind, wie durch
eine übernatürliche Kraft gezwungen, diesen
Baum als Richtungspunkt betrachteten. Namentlich zogen,
wenn auch noch in meilenweiter Entfernung, große
Reitermassen, hüben und drüben, drauf zu.
Am Schlößchen ging es
bunt her. Wie zwei aufeinandergegangne wütende
Messerhelden rangen die beiden Gegner. Ein kleiner General
mit goldner Brille und ganz kurz geschornen schneeweißen
Haaren führte hier und suchte den Feind auf alle
mögliche Weise zu verdrängen. Als ich ihn
traf, riß sein Pferd mit hochgestrecktem Hals
an einem Buchenzweig. In stark ausgeprägtem thüringischen
Dialekt zog er den Zügel nervös zurück
mit den Worten: »Ei, tu Luther.« Mich sprudelte
er heftig an, als ich ihm meinen Auftrag kundgab: Er
sende alle halbe Stunde über den Weitergang des
Gefechtes Bericht an Seine Excellenz. Und als wenn er
plötzlich höchst ärgerlich geworden sei,
rief er: »Ei, da wolln mer doch ämal de Luthersch
an'n Kopp nähm'.« Damit sprengte er auf einen
Fahnenträger zu, entriß ihm das heilige Zeichen
und schwenkte es hoch hin und her. Alle Trommeln und
Hörner ließ er zum Angriff schlagen und blasen
und ging so zum letzten Sturm über. Ich blieb an
seiner Seite, um Gewißheit über den Ausgang
zu erlangen. Kein Blei traf uns oder unsre Pferde. Und
umflattert von der Fahne, die der tollkühne kleine
General noch immer im steten Vorwärts über
seinem Haupte hin und her schwang, ritt ich in den Höllenrachen
hinein.
Da machte es sich, daß ich
mit meiner alten Kompagnie zusammenstieß. Sie
empfing mich mit einem donnernden Hurra. Ein Sergeant
sprang an mich heran und gab mir Kunde (während
ich mich zu ihm hinunter bog, und er atemlos die Stirn
zu mir hob), daß der Oberleutnant, der Führer,
eben gefallen sei. Ich zog meinen Säbel. Und da
ich doch erst den Ausgang abwarten mußte über
unsre Lage, so war es gleichgiltig, ob ich im allgemeinen
Treiben mitschwamm oder meine mir bekannten Leute zum
Siege führte. Der Oberbefehlshaber würde mir
Recht geben, wenn ich ihm später die Sachlage aufklärte.
Bei solchem »letzten«
Sturm, bei solcher »letzten« Zusammenraffung
aller seelischen und körperlichen Kräfte,
scheint jeder taktische Verband gelöst. In allen
deutschen Soldaten, ob sie Vorgesetzte sind, ob nicht,
ist nur der eine Wille, der eine Gedanke: der Feind
muß unter die Füße.
Und alles ist durcheinander. Mit
meiner Kompagnie haben sich Mannschaften fremder Truppenteile
gemengt. Wie sie dahingekommen, sie wissens nicht. Neben
mir rechts stürmt ein junger Offizier mit einem
Knabengesicht, den ich nie vorher gesehen habe; er ist
von einem andern Regiment. Seine Augen glühen,
sind aufgerissen. Er stößt, weit vorgebeugt,
fortwährend mit dem Säbel nach vorn; seine
Linke zeigt gleichfalls, der Zeigefinger, mit unaufhörlichen
Stößen vorwärts. So zieht er wie ein
Racheengel in den Schlund. Links, mit gleichem Taktschlag,
nicht schneller, nicht langsamer werdend, hat sich mir
mein Tambour Franke zugesellt. Zuweilen sieht er mir
ins Gesicht. Sonst kümmert er sich um nichts, er
trommelt, trommelt, trommelt ohne Ende, ohne stärker,
schwächer, langsamer, schneller zu werden . . .
Vorwärts! Nur vorwärts! . . . Ein einziges,
brüllendes, wie die ganze Erde umfassendes Hurrageschrei
ist der Schluß. Wir sind am Ziel. Wo? Ich ahn
es nicht. An einer Gartenmauer, im Park, auf Rosenbeeten,
in Gebüschen, an einem Lusthäuschen . . .
Mann gegen Mann . . . Degen und Flinte und Kolben und
Revolver, Fäuste und Zähne, Fleisch in Fleisch
. . .
Auf einem Teiche, den wir umlaufen,
durchwaten, durchschwimmen, rudert, dessen entsinne
ich mich genau, ein geängsteter Schwan mit geblähten
Flügeln. Ein Musketier greift nach ihm im Sinken
als Stütze. Er schlägt mit den eisernen Fittichen;
das weiße Gefieder ist schon rot gefleckt . .
. Durch! Vorwärts! . . . Wir sind auf der andern
Seite des Gartens . . . Neben mir, auf einer Anhöhe,
arbeitet sich eine Batterie hinauf. Einzelne Pferde
fallen, verschlingen sich im Sturz mit andern. Die Mannschaften
helfen den Rädern nach, greifen in die Speichen,
reißen das Geschütz von den Protzen, wenden,
schieben, drängen . . . Es gelingt! In diesem Augenblick
schießt der Hauptmann Purzelbaum vom Pferde. Sofort
schreit der älteste Leutnant: »Die Batterie
hört auf mein Kom . . .« – »mando«
mußte er verschlucken, denn ihn verschluckte der
Tod . . . Die Blutarbeit ist geschehen. Die Franzosen
ziehen sich zurück. Ich muß zu meiner Excellenz.
Neben dem brennenden Schlosse treff ich den kleinen
General mit der goldnen Brille und den kurzgeschornen
schneeweißen Haaren. Er schreit mir zu: »De
Luthersch haben mer . . .«
Ich ritt auf den Baum zu, um dem
Oberbefehlshaber zu melden. Dort auch fand ich ihn.
Das ganze Gefolge hielt im Schatten
unter dem riesengroßen Eschenbaum. Das Höhlenhäuschen,
das Wiesenstückchen mit den mancherlei Kräutern
und Blumen, der ganze kleine Fleck Erde lag so frisch,
so unberührt, so friedlich. Kein Huf, keine Sohle
hatte ihn heute noch betreten. Der General, als ich
ankam, sprach gütig und freundlich mit dem Mädchen,
das wieder wie gestern das Kindchen an der Hand führte.
Sie schielte aber, während sie den Worten des Oberbefehlshabers
scheinbar Gehör schenkte, nach dem Grafen mit seinem
goldblitzenden Kragen hin. Auch der Hundertjährige
humpelte, wie gestern, seelenvergnügt mit fröhlich-blödsinnigem
Lächeln, die zahnlosen Kiefer reibend, als kaue
er Brot, zwischen uns umher.
Seit Beginn des Gefechtes hatten
sich aller Augen auf den Baum gerichtet. Dahin schien
alles zuströmen zu wollen. In Einzelraufereien
aufgelöst, fochten die Truppenkörper in größeren
oder kleineren Verbänden ihren Schlachttag für
sich durch.
Nur die feindliche Reiterei, die
sich schon seit Stunden drohend gezeigt hatte, drängte
jetzt näher heran. Jedenfalls wollte sie ihrem
an allen Punkten geworfnen Fußvolk beizustehen
sich anschicken. Der scharfe Blick des Höchstkommandierenden
hatte längst erkannt, daß ein Durchbruchsversuch
gemacht werden sollte. Er hatte deshalb vier Kavallerie-Brigaden
zusammenziehen lassen. Diese mächtige Masse rückte
nun heran, und nach aller Wahrscheinlichkeit mußte
am »Baum,« auf der weiten Ebene um diesen
der Entscheidungsschlag des Tages geschehen.
Von allen Seiten flogen Adjutanten
und Ordonnanzen zu uns, auf deren freudestrahlenden
Gesichtern schon von weitem zu lesen war, daß
der Feind überall den Rücken zeige.
Nur einmal noch versuchte er es,
mit seinen Reiterwolken den Sieg an seine Fahnen zu
fesseln.
Es war fünf Uhr nachmittags,
als mir der Husarenmajor zuflüsterte: »Wollen
Sie gefälligst in den Himmel schauen. Da haben
sich Vater Abraham, Moses und die Propheten, der heilige
Antonius, Petrus und die Apostel, Sem, Ham, und Japhet
und die Erzengel auf den vordersten Plätzen postiert,
um einem der größten Reitersträuße,
die jemals ausgefochten wurden, zuzusehen.«
»Aber, Herr Major,«
erwiderte ich, »Ihre Phantasie . . .«
Er fiel mir lachend in die Rede:
»Übrigens, daß wir hier so sorglos
halten. In nicht zehn Minuten sind wir mitten drin.
Und ich glaube fast, die Franzosen sind uns näher.
Nun, der General muß es wissen.«
Wir sahen, wie sich von den feindlichen
Mähnen rechts und links, gleich kleinen Zügen
aus einem unermeßlich zahlreichen Vogelschwarm,
der sich grad auf uns zu bewegte, Abteilungen lösten,
um sich auf unsre Infanterie zu werfen, die sich aus
der Fabrik und aus dem Schlößchen endlich
vorwärts entwickelte.
Immer näher rückten sich
die beiden sich beständig schwach verschiebenden
Linien. Ein grandioserer1) Anblick ist mir nie geworden.
Jedes Künstlerherz hätte aufschreien müssen
vor Entzücken:
Hinter den beiden gewaltigen Geschwadern
hob sich und zog mit eine große graugelbe Staubwolke.
Ein wenig bog sie sich, wie ein nach vorn stehender
Helmbusch, muschelartig, über die Centauren. Sie
diente all dem blitzenden, glitzernden, funkelnden,
flüssigen, fließenden Gold und Silber, Eisen
und Stahl, den roten, weißen, blauen, gelben,
allen möglichen Farben, die sie vor sich herschob
im blendenden Sonnenlicht, als Hintergrund, als eintönige
Wand.
Während von den französischen
Schwadronen her die lustigsten Märsche unser Ohr
deutlicher und deutlicher trafen, klangen von unsrer
Kavallerie nur Signale zu uns, jene Signale, die eine
Welt von Poesie in sich bergen.
Zu verstecken war auf beiden Seiten
nichts mehr; heranziehen, ohne erkannt zu werden, ließ
die große, ebene Fläche für solche Massen
nicht zu. Deshalb tönten überall Musik, Signale,
laute Kommandos.
Und immer näher rückten
die Geschwader auf einander los. Während in der
Entfernung Halbrechts- und Halblinks-Wendungen und die
Schwenkungen wie Blitze uns ins Auge schossen, konnten
wir jetzt schon die Wendungen und Schwenkungen, als
Roß und Reiter, deutlich erkennen.
Und immer näher rückten
sich die Geschwader. Verworrenes Wiehern, Schnauben,
Klirren, Prusten ging über in Einzeltöne.
Mann und Tiere traten geformter heraus aus dem Ganzen.
Just, während ich erstarrt saß vor Freude
über die Pracht, die sich mir bot, fielen mir,
wie war denn das denkbar in dieser Minute, Hiobs wundervolle
Verse ein.
Das Roß stampfet auf den
Boden, und ist freudig mit Kraft, und zieht aus den
Geharnischten entgegen.
Es spottet der Furcht, und erschrickt
nicht, und fliehet vor dem Schwert nicht.
Wenn gleich wieder dasselbe klinget
der Köcher, und glänzen beide Spieß
und Lanze.
Es zittert und tobet, und scharret
in die Erde, und achtet nicht der Trompete Hall.
Wenn die Trompete hell klinget,
spricht es: Hui! und riecht den Streit von ferne, das
Schreien der Fürsten und Jauchzen.
Nun sind sie sich ganz nahe. Und
zwanzig Tausend frische, blühende, kraftvolle Männer
setzen sich zum wütenden Anprall noch einmal wurzelzäh
in den Sattel. Trr–a–a–b.
Galopp!
Und dann die Fanfare!
Der General und wir hatten während
dieser kurzen Zeit völlig ruhig unter der Esche
gehalten. Da ruft der Oberbefehlshaber: »Ziehen,
meine Herren!« Und die Pallasche, die Degen, die
Säbel flogen, wie befreite, mord- und luftlustige
Falken, aus den Scheiden.
Die Franzosen näherten sich
eher dem Hügel, dem Baume als die Unsrigen.
Unverzüglich stürzte
sich mit seinen paar Ulanen Graf Kjerkewanden in die
tausendfache Überzahl . . .
Aus dem Teifun, im Mittelpunkt
des Teifuns, des Erde und Luft vermischenden Wirbels,
worin ich mich befand, wo jeder für sich kämpft,
weiß ich mich kaum einer Einzelheit zu entsinnen.
Ich war im letzten Augenblick an den General herangesprengt,
um ihm nahe zu sein, ihn zu schützen nach Kräften
. . .
Die wilde, fliegende, zerzauste,
nach beiden Halsseiten übervolle, hellgelbe Mähne
eines dunkelfuchsigen Berberhengstes, der mit den Vorderhufen
den Kopf des Pferdes meines Generals schlägt .
. . Das Gewoge der Schwerter . . . Silberne Blinkeräxte
aus einem schwarzen, unruhigen, kurzwelligen Blutsee
tauchend . . . Kreise . . . Einmal seh ich den Chef
des Stabes. Mit meisterhafter Geschicklichkeit weiß
er sein Pferd auf der Stelle zu wenden, sich zu drehen.
Er verteidigt sich mit dem Revolver, jedesmal erst ruhig
zielend . . . Einer reißt mich nach hinten, mein
Kopf, helmlos geworden, liegt auf der Kruppe meines
Pferdes, dicht über meiner Stirn ein schwarzes
Gesicht, große weiße Augen, heißer
Atem, Schellen, kleine gelbe Flitterhalbmonde, purpurne
Troddeln . . . Ein hochgehobner Arm mit dem Flammenschwerte
des heiligen Michael will auf mich niedersausen; nein,
er sinkt lahm. Die leere Nordhäuserflasche des
im Tumult in einiger Entfernung sich hauenden Majors,
der den Todeshieb auf mich hatte ausholen sehen, schoß
dem wüsten Afrikaner aufs Nasenbein . . . hurra,
hurra . . . Der Feind zeigt die Schwänze seiner
Gäule . . .
Der General und wir, sein Stab,
während die Verfolgung bis zum letzten Pust weitergeht,
sammeln uns. Keiner ist ernstlich verwundet. Nur den
Grafen vermissen wir. Doch fand ich nicht Zeit, nach
ihm zu suchen. »Einstecken, meine Herren!«
befahl der Oberbefehlshaber, und die grimmigen Falken
fliegen wieder zurück in ihre Käfige.
Wir setzten uns zum Vorritt in
kurzen Backäppelgalopp. Einen Blick werfe ich zurück
auf Baum und Hügel. Zertreten ist alles . . .
Der Tag ist unser!
Es lebe der König!
Als ich um Mitternacht den Befehl
erhielt, einen weit zurückgehenden Truppenteil
heranzuholen, ritt ich quer über das große
Sandfeld, wo die Reiterschlacht getobt hatte. Ich nahm
meinen Weg nach dem Richtungspunkt, denn so wurde von
nun an der Punkt genannt, obgleich er als solcher nur
der Reiterei gedient hatte. Der Baum war in der hellen
Nacht schon von fern zu erkennen. Wie stumm und tot
lag das Plätzchen. Weit ins Feld hinein fiel der
Schatten der großen Esche, die regungslos in der
schönen Sommernacht schlief. Alles Leben hatte
hier geendet. Mit den Füßen unter einem gefallnen
Dragonerpferd, das die Beine in den Himmel streckte,
lag das kleine vier-, fünfjährige Kind erdrückt,
erschlagen, zerstampft. Die blonden Härchen umzirkelte
wie ein Heiligenschein, im milden Sternenlichte glänzend,
eine Blutlache. Unter dem blühenden Goldregenbusch,
dessen Trauben der volle Mond durchschimmerte, streckte
sich Graf Kjerkewanden. Ein Stich ins Herz hatte ihn
den glücklichen, beneidenswerten Tod finden lassen,
den Tod für seinen König und für sein
Vaterland. Sein Haupt lag im Schoß des jungen
Mädchens, das ein Schuß getötet hatte.
Ehe sie die tödliche Brustwunde empfangen, oder
vielleicht schon mit dem Tod im Herzen, mußte
sie die Leiche des Ulanenoffiziers hierhergetragen oder
-gezogen haben. Wahrscheinlich war er in unmittelbarer
Nähe des Baumes, als er sich für uns ins Getümmel
warf, gesunken. Und hatte er gestern auf dem Sattelknopf
ihre Hände gefangen gehalten, so hielt, wenn auch
im Tode, heute sie die seinen umspannt. Die braunen,
asiatischen Augen des Grafen schauten, gebrochen, zu
ihr auf. Ihr Hinterkopf lehnte, ein wenig nach rechts
verschoben, an den Stamm . . .
Von fern herüber tönte
Siegessang . . .
Und all das frische, gesunde junge
Blut, das hier langsam, langsam in die Erde sickerte.
Und zwischen den Erschlagnen humpelte als einzig atmender
der Hundertjährige umher mit seinem freundlich-blödsinnigen
Lächeln, mit den zahnlosen Kiefern die reibende,
mahlende Bewegung machend.
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