Roggen und Weizen
Übungsblätter
Die Operation
Der Zeiger rückte gegen Mitternacht.
In den großen Räumen
des Krankenhauses war es still. Nur die am Morgen dieses
Tages Geschnittnen wimmerten. Sonst war Alles still.
Plötzlich entstand eine Bewegung,
wie wohl der Wind sich plötzlich in todstummer
Nacht erhebt, zischelt, raunt, stärker wird.
Die Nachtwärterinnen gingen
nicht mehr so geräuschlos. Die gedämpfte Stimme
der Oberin wurde hörbar. Auf den Treppen huschte
es eilig auf und ab. Zuweilen klang es deutlich: »Heinrich,
Jürgen, Bernhard: aufstehn.« Oder: »So
machen Sie doch schnell, Heinrich.« Heinrich,
Jürgen, Bernhard waren die Wärter.
Nun schienen sich Wasserhähne
geöffnet zu haben: es rauschte. In den Räumen
zur ebnen Erde: in den Operationssälen wurden Türen
auf und zu gemacht. Das Geräusch des strömenden
Wassers dauerte gleichmäßig fort durch alle
Unruhe. Aus dem verworrnen Getöse der Stadt löste
sich ein bestimmter Ton: ein Wagen näherte sich,
fuhr durchs Tor und hielt vor der Haupttür des
Klinischen Instituts. Mit großer Vorsicht wurde
ein junges Mädchen herausgehoben und auf einer
Bahre, die mit einer feuerroten Decke belegt war, ins
Innre getragen. Alles leitete ein Assistenzarzt des
berühmten genialen Chirurgen, dem die Klinik gehörte.
Der Assistenzarzt war der Verlobte der jungen Dame.
Während diese von den Wärterinnen gebadet
und an der zu schneidenden Stelle, es galt Leben oder
Tod, rasiert wurde, trat ihr Verlobter ins Arbeitszimmer
seines Chefs. Die beiden Herren hatten ein kurzes Gespräch:
»Nun, wie Sie wollen. Ich mache eine einzige Ausnahme,
und auch nur aus dem Grunde, weil Sie selbst Arzt sind.
Aber bedenken Sie wohl, daß Sie kaum imstande
sein werden . . . Es ist Ihr Fräulein Braut . .
.« »Ich bin bereit.« »Gut denn.
Bleiben Sie so lange bei mir, bis wir gerufen werden.«
Indessen waren die Vorbereitungen
zur Operation beendet. Die Kranke wurde wieder in die
feuerrote Decke gehüllt, sorgsam auf die Bahre
gelegt, dann in den Operationssaal Nr. 7, den größten,
hinaufgetragen und hier, noch triefend vom Wasser, auf
einen mit gelbem Wachstuch behangnen Tisch gelegt. Das
Faktotum des Chefarztes war um sie beschäftigt.
Er machte ihr eine Morphiumeinspritzung in den linken
Oberarm. Aber die Müdigkeit wollte nicht gleich
kommen: sie sah und hörte Alles um sich her. Viele
Glühlichter verbreiteten Tageshelle. Über
einer Lampe, wie beim Haarkünstler, wurde eine
Zange heiß gemacht. Überall an den Wänden
plätscherte in Becken das Wasser. Auf den zwei
Zoll dicken gläsernen Fensterbänken und auf
den gläsernen Vorsprüngen lagen in peinlicher
Ordnung und in peinlicher Sauberkeit hunderte von Messern,
Zangen, Pinzetten, Hämmern, Meißeln, Scheren.
Verbandzeug, Eiterbecken, Watte, große Hafen mit
Sublimatwasser, Alles war in reichlicher Masse vorhanden.
Eine kleine dunkle dreieckige Flasche und eine Guttaperchamaske
zeigten sich auf einem kleinen Sondertische. Die Flasche
enthielt eine Flüssigkeit von weißer Farbe,
Chloroform.
Die Wärter und die Wärterinnen
hatten sich bis über die Knöchel reichende
Gummischuhe angezogen: bald wird sich der steinerne
Fußboden in einen See verwandeln. Auf den Haaren,
später auch die Ärzte, trugen alle achteckige
Konditormützen: daß kein Staub in die Wunden
falle. Immer wieder wusch sich Alles die Hände
. . . Der erste Wärter tauschte einen Blick mit
den übrigen. Dann verschwand er, um gleich darauf
mit den Ärzten wieder einzutreten. Diese, ohne
Rock, trugen die Hemdärmel hoch aufgekrämpt.
Ein ganz klein wenig hatte dies alles Ähnlichkeit
mit den Vorbereitungen zu einer großen Schweineschlachterei.
Der Chef verbeugte sich vor der
Kranken und stellte ihr dann, allerdings ein wenig unnötig,
die zahlreich erschienenen Hilfsärzte vor. Ihr
Verlobter, so war verabredet, sollte erst eintreten,
wenn sie in der Narkose lag.
Nun trat der Chef ihr zu Füßen.
Die Assistenten verteilten sich, der grobe Vergleich
bittet um Vergebung, wie die Kanoniere um ein Geschütz.
Ein Blick zwischen dem Leiter und seinem Famulus, dessen
Augen unausgesetzt an denen seines Herrn hingen . .
. »Wollen Sie recht tief atmen . . . Bitte langsam
zu zählen . . .« Wieder ein Blick zum Chefarzt
hinüber. Dieser sagte. »Fertig!« Die
feuerrote Decke fiel. In diesem Augenblick trat der
Verlobte in den Saal. Ein scharfer Sturmstoß des
bösen Nordwestes, der sich aufgemacht hatte, rüttelte
sekundenlang an den Fenstern.
Grade vom Himmel in die Wiege hinunter
senkt eine Göttin die Kunst. Die Kunst des großen
Feldherrn, des großen Arztes, des Baumeisters,
des Musikers. Tritt Fleiß und besondere Geschicklichkeit
hinzu, wird der Künstler zum Meister.
Es herrschte Grabesstille. Der
Sturm, der in die Fenster gesehen, hatte sich entsetzt
rasch entfernt. Vom nächsten Kirchturm schlug es
Mitternacht.
Der Meister war an seinem Werke.
Das Auge erglänzte ihm in erhöhter Schönheit.
Der erste tiefe, furchtbare Schnitt
war ausgeführt. Zwei Assistenten hielten mit kleinen
Harken die Lappen auseinander. Ungehindert konnte der
Chef arbeiten. Nun klangen seine Kommandos, ruhig, fest,
sicher: immer nur einzelne Worte. Zwei Ärzte hielten
die Pulse der Kranken, die andern flogen, um das Gewünschte
blitzschnell von den Fensterbänken zu holen.
Aus dem bloßgelegten Knochen
floß Eiter und Schmutz in großer Menge.
Ein durchdringender Geruch verbreitete sich im Saal,
ein Verwesungsgeruch: zwei Wärter und drei Wärterinnen
mußten sich für Sekunden an die Wand lehnen.
Alle übrigen wurden blaß. Nur er, der Meister,
blieb unerschüttert.
Der Verlobte der jungen Dame stand
nach wie vor abseits. Aus dem Arzte, so sehr er dagegen
kämpfte, kam der Mensch zum Vorschein. Eine unbeschreibliche
Rührung flutete ihm durchs Herz, und oft mußte
er seine ganze Kraft zusammen nehmen, um die Messer
nicht aufzuhalten. Als der Schmutz und der Eiter flossen,
kam ihm, ohne daß er sich Rechenschaft geben konnte,
ein tiefer Ekel . . . und in diesem Augenblick betäubte
ihn der Geruch. Er fiel ohnmächtig nieder, um erst,
als Alles vorbei war, wieder zu erwachen.
Der Meißel, der Hammer setzten
sich an die entzündete Stelle. Es klangen die Schläge,
feste, schnelle Hammerschläge. Wie der Bildhauer
an dem Überflüssigen einer Statue hämmert,
so schlug der große Arzt. Sein Auge lag ruhig
auf dem Knochen; die Hand schlug wie auf einen gleichgültigen
Stein.
Endlich war Alles vorüber.
Wie aus einem Gewirre von Stimmen erwachte das junge
Mädchen. Sie hatte nicht den geringsten Schmerz
gespürt. Einmal, und dessen erinnerte sie sich
deutlich, hatte sie gefühlt, daß ihr die
warme Frühlingsonne auf den Rücken schien
– da war sie gebrannt worden. Und einmal hatte
einer Klavier gespielt auf ihrem Rücken; es war
eine sanfte, wohltuende Bewegung, die sie gespürt
hatte – da war sie gemeißelt worden.
Auf dem Eise war die schöne
Braut gefallen. Lachend hatte sie sich erhoben; auch
nicht den geringsten Schmerz hatte sie gefühlt.
Ja, nicht einmal ein blaues Fleckchen war nachgeblieben.
Aber plötzlich, nach Wochen, empfand sie ein heftiges
Stechen in der linken Schulter. Der Hausarzt hielt es
für eine Erkältung, und in der Tat, nach wenigen
Tagen schien Alles vorüber zu sein. Allmählich
aber fiel ihr auf, daß sie nicht den Rücken
grade halten konnte. Zuerst erzählte sie niemand
davon. Als ihr aber das Aufstehen immer beschwerlicher
wurde und sie fortwährend leichte Schmerzen fühlte,
wurde abermals der Hausarzt herangezogen. Dieser, nun
ängstlich geworden, rief den berühmten Operateur
zu Hilfe. Das lag ihm klar, daß seine Patientin
eine Eitermasse belästige.
Und der große Meister, der
den innern Menschen kannte wie das Zifferblatt seiner
Uhr, erkannte die Ursache sofort.
Schon für den folgenden Tag
bestimmte er die Schneidung. Als er aber, wie von Unruhe
getrieben, noch einmal bei der Kranken gewesen war,
ordnete er schon für die nächsten
Stunden die Operation an.
Zum erstenmal nach dem Ereignis
saß an ihrem Bette ihr Verlobter. Er hatte ihr
einen Korb voll dunkelroter Rosen mitgebracht und ihr
diesen wie in freudigem Übermut über die weiße
Bettdecke gestreut. Aber als er nun die abgemagerten
Hände in die seinigen nahm, empfand er, er konnte
sich wieder keine Rechenschaft deshalb geben, einen
leisen Anflug des Widerwillens, des Ekels.
Sie, von denen die Ärzte es
wie ein Wunder betrachteten, daß sie lebe, erholte
sich von Tag zu Tage. Die Wunden, durch ein zweite Operation
unterstützt, schlossen sich mehr und mehr. Die
ausgezeichnete Pflege im Krankenhaus tat das ihrige.
Aber je weiter sie wieder frischer im Leben auftauchte,
umsomehr konnte sich ihr Verlobter einer steigenden
Abneigung gegen seine Braut nicht erwehren. Ein ihm
nicht Erklärbares, das ihn wie mit starken Haken
langsam von ihrem Bette wegzog, suchte er vergebens
zu überwinden. Eines Tages, schon war die Übersiedlung
ins elterliche Haus beschlossene Sache, als er ins Krankenhaus
ging, war es ihm kaum noch möglich, die Tür
zu ihrem Zimmer zu öffnen. Sie lachte, eine schöne
Rose in der Hand haltend, ihn glücklich an. Er
aber, von Dämonen geleitet, wagte es nicht, zu
ihr zu treten. Er stammelte ungeschickte Entschuldigungsworte
und sagte ihr endlich ohne jede Rücksicht, daß
es ihm nicht mehr möglich sei, an der Verlobung
festhalten zu können, daß er . . .
Und dann war er verschwunden.
Die Arme lag zuerst wie vom Schlage
gerührt Dann begannen ihre Finger hastig die Rose
zu zerpflücken. Ihre Nerven begannen einen Tumult:
leise strichelten sie um und an der linken Seite des
holden Gesichtchens. Plötzlich streute sie die
Rosenblätter über ihr Haupt und riß
dann mit größester Gewalt die Verbände
ab. Diese wie Tücher schwenkend, sprang sie auf
dem Bett und auf die Fensterbank und warf sich hinunter
auf den tiefliegenden gepflasterten Hof. Sie zerschmetterte
sich den Schädel und war auf der Stelle tot.
Den Ärzten blieb ihr Wahnsinnsanfall
ein ewiges Rätsel. Der Verlobte verschwand schon
am nächsten Tage aus der Stadt. Jeder fand dies
natürlich. Selbst der dicke Kommerzienrat meinte:
»Ja, ja, das hätte ich auch so gemacht;«
obgleich er sicher dem Sarge gefolgt wäre.
Es gibt Stimmungen und Empfindungen,
deren Ursprung uns völlig unklar ist. Es werden
Geheimnisse bleiben, die nie ergründet werden können.
Hatte in diesem Falle das ekelhafte Bild und der furchtbare
Geruch des fließenden Eiters den ersten Anstoß
gegeben?
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