Eine Sommerschlacht
Novelle
Am Kamin, den Becher in der
Hand, läßt sich's gut erzählen. Mein
Freund plauderte:
Wenn ich in meiner Kinderzeit auf
Jahrmärkten in Rundgemälde-Hallen geführt
wurde, in denen Gefechtsansichten, in Brand geschossene
Städte, brennende Brücken, ganze Schlachten
abgebildet waren, konnte ich vor springender Erregung
nicht einschlafen. Die Eindrücke hafteten so stark
in mir, daß ich alles andere darüber vergaß.
Meine Eltern verhinderten aus diesem Grunde auf Jahre
hinaus den Besuch solcher Schaustellungen.
Die Kondottieri, der Räuberhauptmann,
das Korsarenschiff, der Wilddieb, die Raubritter, der
Strandlauerer, alles das hatte für meine glühende
Knabenphantasie einen besonderen Reiz. Und wer weiß,
was aus mir geworden wäre, hätte meine Mutter
nicht unablässig abgelenkt und mich eingeführt
in die Bücher der Geschichte. Die eben genannten
ehrenwerten Herren mußten Platz machen, und Leonidas,
Alexander, Cäsar, der große Kurfürst,
Friedrich der Große, Napoleon, Blücher und
wie sie hießen, traten an ihre Stelle. Ungezügelte
Freude doch konnte ich nicht verhehlen, wenn ich von
Dörnberg las, von Schill und Colomb. Ein Parteigänger
zu werden, meinem Vaterlande, wenn es unter tausend
Wunden stöhnen würde wie ein gebunden Tier,
durch kühne Wagnisse Stützen zu geben, der
Wunsch hat mich nie verlassen.
Ich wurde natürlich Soldat;
und bin es leidenschaftlich bis heute. Besonders hat
mir das Zigeunerleben in den Kriegen gefallen. Und ich
wüßte auch nicht einen Tag, ja, nicht einen
einzigen Tag, wenn wir im Felde standen, daß ich
mich zurückgesehnt hätte zu Frieden und Ruhe.
Der alte Knabenjubel an den Taten der Kondottieri und
Landsknechtsführer war doch nicht ganz in mir verhallt.
Aber du wolltest von meiner Feuertaufe
hören:
Ich war eben Offizier geworden.
Wir lagen gegen Ende Juni 1866 in der schönen Provinz
Schlesien seit etwa vierzehn Tagen auf einem Schlosse,
das einem alten Edelfräulein gehörte. Mit
vaterlandsliebendem Herzen trug sie die große
Last der Einquartierung; mit gleicher Sorgfalt wachte
sie, daß wir siebenundzwanzig Offiziere es so
gut wie denkbar hatten, als auch, daß es jedem
Füsilier, jedem Dragoner an dem nicht fehlen möchte,
was ihnen nach anstrengendem Dienste das Leben auf ihrem
Gute angenehm machen könnte. Sie war persönlich
unermüdlich.
Eines Tages beim Mittagessen –
die Regimentsmusik hatte eben im Garten den Hohenfriedeberger,
den prächtigen Schlachtenzünder und Siegentflammer
beendet – erhob sie sich und hielt folgenden Trinkspruch:
Meine Herren!
In jeder Minute erwarten wir den
Krieg. Sie ziehen ihm entgegen. Den Segen Gottes flehe
ich nicht auf Sie herab, denn der Herr verhüllt
sein Antlitz mit dem breiten Ärmel, oder wohl besser:
Er kann des kleinlichen Menschengezänkes nicht
achten. Und wenn auch: Tausende in unserer Heimat, Tausende
des Feindes erbitten von ihm den Sieg. Wem denn soll
sich Gott wenden?
(Eine kleine Pause entstand; ich
bemerkte einen herben Zug an ihren Lippen. Wir Offiziere
schauten ein wenig verwundert ins Glas; andere sahen
sich stumm fragend an.)
Aber Stahl und Eisen wünsch'
ich in Ihre Arme gegossen. Möchten Sie Ihren Frauen
und Kindern, möchten Sie allen denen, die Sie lieben,
zurückkehren. Doch soll's nicht sein, nun, meine
Herren, dann sterben Sie den beneidenswertesten Tod,
den Tod fürs Vaterland. Ihnen allen voran zieht
der König. Begeistert werden Sie nach der Schlacht
ihn umringen und ihm die teuern, tapfern Hände
küssen. Das Vaterland sieht auf Sie!
Es lebe der König!
Sie stand wie eine Seherin. Dann
hob sie das Sektglas und trank es aus mit einem Zuge.
Lautlose Stille folgte, und schon wollten wir sie umdrängen,
mit ihr anzustoßen: schon wollten wir, stehend,
das alte, schöne Königs- und Vaterlandslied
anstimmen, als eine der Flügeltüren aufgerissen
wurde. Ein stark bestaubter Ulan trat ein, sah sich
kurz im Kreise um und schritt dann lebhaft zum Divisionsgeneral.
Vor ihm in strammer Haltung stehen bleibend, überreichte
er mit der Rechten in schnellem Schwung ein großes
versiegeltes Schreiben: »Eurer Exzellenz sofort
eigenhändig abzugeben.« Der General, nach
leichter Verbeugung zu seiner Nachbarin, unserer alten
Wirtin, erbrach es. Schweigen des Todes. Dann sah er
aus der Zuschrift auf und sagte: »Meine Herren,
der Krieg ist erklärt.«
Und wieder geschah's, daß
nicht sofort bei uns Offizieren der Jubel ausbrechen
konnte. Die Nachricht, stündlich erwartet, war
doch zu überwältigend.
Nur ein junger Dragonerleutnant,
der vielleicht sein Champagnerglas etwas zu häufig
hatte den Weg machen lassen zwischen Tisch und Zunge,
rief laut: »Na, denn man druff wie Blücher!«
Ein strenger Blick seines Regimentskommandeurs traf
ihn; dann wandte dieser seine Augen ein wenig ängstlich
auf den General. Doch die Exzellenz nahm das Wort lustig
auf und wiederholte:»Ja, meine Herren, denn man
druff wie Blücher!«
In hoher Erregung schlugen unsere
Soldatenherzen.
Auf dem Hofe traf ich gleich darauf
den alten Sergeanten Cziczan von meiner Kompagnie. »Nun,
wissen Sie schon, der Krieg ist erklärt.«
»Zu Befell, Herr Leitnant, ich freue mir.«
Dem alten Sergeanten Cziczan war
ich sehr gewogen. Hatten jemals die altpreußische
Treue, das altpreußische: »Über alles
geht die Pflicht« eine Verkörperung in einem
Menschen gefunden, so war's bei Cziczan. Mit zwei gewaltigen
oberen Vorderzähnen – die anderen Beißer
und Zermalmer fehlten ihm wohl schon – gezeichnet,
machte sein Gesicht den ewigen Eindruck, als hätte
er die Schwindsucht im höchsten Grade. Aber es
gab keinen gesunderen, zäheren Mann als ihn.
Ich eilte zu meinen Leuten. Beim
Eintritt in die Scheune sah ich zurück. Mein alter
Sergeant las eifrig im »kleinen Waldersee«1),
den er in jeder Lebenslage mit sich führte. Und
jedenfalls ruhte sein Auge in diesem Augenblick auf
der Stelle:
Im Gefecht erprobt sich erst der
echte Soldat; im Kugelregen und vor der Spitze feindlicher
Bajonette muß es sich zeigen, ob er die erste
und unentbehrlichste Eigenschaft des Kriegers, Mut und
Unerschrockenheit, besitzt.
Schon nach einer Stunde waren wir
auf dem Marsche an die Grenze. Es wollte zuerst keine
rechte »Stimmung« aufkommen. Zu gewaltig
in uns allen drängte sich der Gedanke: wir sind
im Kriege. Aber dann, als der volle Mond unseren Helmen
und Gewehren seinen beruhigenden Glanz lieh, als wir
auf den Bergen die Fanale brennen sahen, begann bald
hier, bald dort ein leises Gespräch mit dem Nebenmann;
bald hier, bald da, wie aus Träumen, wollte der
Gesang anheben. Und endlich tönte eins der schwermütigen,
wie mit finsterer Stirn gesungenen Lieder meiner Westfalen.
Und dann, nun dann wechselten die alten, lieben, lustigen
Soldatengesänge.
Vor der Kompagnie ritt schweigend
unser Hauptmann. Alle, wir Offiziere nicht zum wenigsten,
waren ihm schwärmerisch zugetan. Es gab kein schöneres
Soldatengesicht. Wie ihm der dicke, lange Schnurrbart
vom Winde an die gebräunten Backen geweht wurde,
wie klug sein Auge schaute. Er sprach nicht viel; ein
gleichmäßiger, darf ich sagen stillheiterer
Ernst verließ ihn nie. Von der nackten Wirklichkeit
des Seins tief durchdrungen, fand er seine Ruhe, sein
Glück in strengster Pflichterfüllung, in rastlosem
Sorgen für das Wohl seiner Mitmenschen und im besonderen
seiner Kompagnie.
Und munter, nach dem ersten Rendezvous,
marschierten wir in die Nacht hinein. Der Schritt kam
uns heute schneller vor. War es das gute Fieber im Soldaten,
vom Höchstkommandierenden bis zum Tambour, an den
Feind zu kommen?
Ich unterhielt mich mit Cziczan.
Wir schlossen die Kompagnie. Er wie ich sahen heute
zum erstenmal Tausende von Leuchtkäferchen in den
Gebüschen. Zu all dem Nachtglanz wollten die Tierchen
nicht zurückbleiben.
Plötzlich wurde Halt befohlen.
Die Kompagnien marschierten auf. Wachen und Posten wurden
ausgestellt. Feldwachen und Patrouillen gingen ins Vorland.
Das Bataillon biwakierte. Holz und Stroh kam nicht heran.
Wir lagen, von unseren Mänteln zugedeckt, in einem
Walde. Es war warm. Einmal erwachte ich: ich sah, wie
mein Hauptmann, an einen Baum gelehnt, in den Mond schaute.
Seine Augen blickten schwermütig und traurig. Nie
hatte ich ihn so gesehen. Bald sanken meine Lider wieder,
um sich gegen Mitternacht noch einmal zu öffnen.
Ich bemerkte, daß einer die Gewehrpyramiden umging.
Der Posten schien es nicht zu sein. Es war Cziczan,
der, den kleinen Waldersee in der Hand, leise fluchend,
stille Wut im Gesicht, einige nicht ganz scharf ausgerichtete
Gewehre ordnete. Zuweilen fiel der Mondschein auf die
beiden blanken Vorderzähne. Bald schlief ich wieder
fest . . .
Früh am anderen Morgen waren
wir schon wieder unterwegs. Es wurde unerträglich
heiß. Cziczan lief wie ein Schäferhund an
den Seiten der Kompagnie, bald hier, bald dort. Unaufhörlich
klang seine heisere, bellende, zischende Stimme: aufmunternd,
scheltend, gute Worte, böse Worte gebend: wie's
kam. Und heiß und heißer ward es. Der Durst,
dieser furchtbarste Feind des Soldaten, quälte
uns. Wir sahen wie Schornsteinfeger aus. Durch die dicke
Staubkruste auf unseren Gesichtern bahnte sich der Schweiß
Furchen und Rinnen; dann tröpfelte er auf Schultern,
Brust und Nacken. Die Kragen waren schon durchnäßt.
Gewehr und Tornister drückten schwer. Gesang und
Gespräch waren längst verstummt. Jeder stierte
nur mit starren Augen auf die Fersen seines Vordermannes.
Einmal marschierten wir wie durch
die Wüste Sahara, soviel Sand ringsum. Da rief
plötzlich durch die Stille ein Berliner, der in
meiner Kompagnie diente: »Mir soll doch ejentlich
verlangen, wenn det erste Kamel uns bejejent.«
Alles lachte, um gleich wieder leise ächzend fortzumahlen.
Da blitzt uns ein Dorf entgegen.
Kurzes Rendezvous. Einige Leute werden vorgeschickt,
die Bauern mit Wasser an die Türen zu stellen.
Dann kommen wir nach. Im langsamen Vorwärtsziehen
trinkt rechts und links die Kompagnie. Greise, Kinder,
Männer, Weiber: alles steht mit Töpfen, Geschirren,
Schüsseln, Eimern vor den Häusern. Wie sehr
ist in uns Menschen der Selbsterhaltungstrieb rege.
Das hab' ich beim befriedigt werdenden Durst oft beobachtet.
Jeder stürzt sich auf das nächste Wasser,
reißt die Tasse, das Glas, den Kübel an sich.
An den Lippen läuft, wie bei saufendem Vieh, wenn
sie den Kopf aus dem Zuber heben, das Wasser hinab,
auf Hals und Brust. Die Augen liegen stier, gierig,
tierisch auf der kleinen Welle. Das Gesicht ist verzerrt.
Ah, wie hatte uns das wohlgetan.
Und wieder ging es weiter. Adjutanten
und Ordonnanzen flogen bisweilen an uns vorbei nach
vorn, oder kamen uns entgegen. Eine trabende Batterie
überholte uns. Die Geschützrohre gaben jenen
eigentümlichen, schütternden Klang. Ein kurzer
Wechselgruß der Offiziere, und schon ist sie vor
uns. Die Sektionen, die sich an den einen Wegrand gedrängt
hatten während des Vorüberfahrens, ziehen
sich wieder mehr auseinander. Die Pfeifen sind im Gang.
Der säuerliche Geruch des Tabaks begleitet uns.
Endlich bogen wir in einen langen
Hohlweg ein. Rechts und links drohen steile Felswände.
Es überkam mich ein etwas
unheimliches Gefühl: wenn wir hier plötzlich
von oben beschossen würden? »Was würden
Sie tun, Cziczan, wenn von allen Seiten Schüsse
auf uns fielen?« Der Sergeant will nach seinem
Waldersee greifen, aber, wie beschämt, besinnt
er sich eine Sekunde, läßt die Hand ruhen
und antwortet: »Rechts und links um, in der Höhe,
vorwärts, in der Höhe. Kuraschi, Leute, Kuraschi!«
»Bravo! Cziczan, das wäre allerdings das
einzig Richtige.«
Nachdem wir über eine halbe
Stunde, immer im Paß, weitergezogen sind, sehen
wir am Ausgange den kommandierenden General halten mit
seinem Stabe. Er läßt Bataillon auf Bataillon,
Batterie auf Batterie, Schwadron auf Schwadron an sich
vorbeiziehen. Seine eisernen Augen bohren sich uns in
die Eingeweide. Zuweilen macht sein Charakterkopf kurze,
blitzartige Wendungen wie ein Vogelköpfchen. Streng
und hart ist sein Gesicht. Ihm und dem neben ihm haltenden
Chef des Stabes mochten die Herzen doch froher pochen:
fast das ganze Armeekorps hatte den Paß durchzogen.
Wir waren dem Feinde zuvorgekommen.
Nachdem ich, ich muß es gestehen:
etwas scheu dem Kommandierenden vorüber bin, denk'
ich: der hält fest, der läßt nicht los.
Cziczan, die beiden Vorderzähne in die Unterlippe
gedrückt, ist stramm mit Augen rechts an der Exzellenz
weitergerückt. »Der forcht sich nit, der
spuckt dem Feinde auf den Hut,« fiel mir's ein,
als ich dem braven Sergeanten, der denn doch nachher
auch eine kleine Erleichterung verspürte, auf das
Beißgesicht sah.
Gegen Abend machten wir Halt auf
einer Bergkuppe. Die Aussicht ist herrlich. Und deutlich
vor uns liegt Böhmen.
Und nun ein emsig Biwakieren. Stroh
und Holz sind noch nicht eingetroffen; es lag in der
Unmöglichkeit, uns so rasch folgen zu können.
Wir müssen uns wieder mit den Mänteln begnügen.
Ich wurde mit einer Abteilung abgesandt, Baumstämmchen
und Äste aus dem nächsten Gehölz zu holen.
Bald sind wir wieder zurück. Die Feuer knistern,
brennen. Die Mannschaften bretzeln und kochen. Der Vollmond
geht auf, die Sterne funkeln: eine köstliche Biwaknacht!
Wir sitzen um die flammenden Holzstöße; ab
und zu weht uns der Rauch in die Nase. Glühwein
wird getrunken.
Wir Offiziere vom Bataillon treffen
viel zusammen. Das Gespräch handelt nur von morgen:
eine Schlacht steht sicher in Aussicht. Und nun: da
jagt ein Adjutant heran, hier steigt einer zu Pferde;
da kommt unser Brigadegeneral im Schritt geritten. Die
Hünengestalt hält ab und zu bei den Feuern.
Er läßt einige Offiziere zu sich bitten.
Er erzählt uns, was er verraten darf. Unablässig
gehen starke Patrouillen ins Vorland, an die Grenze,
über die Grenze. Cziczan liest eifrig, nachdem
er über eine Stunde stillwütig wieder die
Gewehr-Pyramiden in haarscharfe Richtung gebracht hat,
im Waldersee: es ist der Abschnitt über den Dienst
in Lagern.
O du lustig Biwak! Mit deinem Brenzelgeruch,
mit deinem Gesumm. Dorther klingt ferner Postenruf,
hier wiehert ein Pferd; bald rauscht irgendwo ein leise
gehaltener Zornausbruch eines Hauptmanns, der seine
Unteroffiziere um sich versammelt hat. Dazwischen: Rufen
einzelner Namen, »dritte Korporalschaft antreten«,
»sind die Wasserholer schon da?«, ein Gesang
in der Ferne, plötzlich ein lautes Gelächter,
hinter dem Rasenstück, wo man den Kopf zum Ruhen
legte: ein unendlich langes, leise geführtes Gespräch
zweier Freunde aus demselben Dorf, und stiller . . .
stiller wird es, nur noch zuweilen ein Fluch, wenn ein
Mann an den Beinen vom Feuer gezogen wird, der Posten
stehen, Patrouille gehen soll . . . Schnarchen . . .
Klirren und Zischen eines umstürzenden und ausfließenden
Feldkessels. Und stiller . . . still . . .
Ich konnte nicht schlafen. Bald
lag ich in den Furchen eines Kartoffelfeldes, bald über
ihnen. Keine Lage gefiel. Der Tau sank stark herab;
mich fror.
Ich erhob mich, wickelte mich fest
in meinen Paletot und ging ans nächste Feuer. Im
Kreise lagen die schnarchenden Mannschaften. Dicht am
verglimmenden Holz, ab und zu ein frisches Scheit hineinwerfend,
daß die Funken zum Himmel stoben, stand mein alter
Sergeant Cziczan. Ich beobachtete ihn. Die rechte Hand,
um sich zu wärmen, dem Feuer entgegenhaltend, hielt
er in der Linken den Waldersee. Er las vor sich hin:
Unter Schleichpatrouillen versteht
man diejenigen Patrouillen, welche von den Feldwachen
auf weitere Entfernungen, d. h. bis auf etwa 1/8 Meile,
gegen den Feind vorgeschickt werden, um einen etwaigen
Anmarsch desselben so früh als möglich zu
entdecken, überhaupt aber, um Nachrichten über
dessen Stellung und Bewegungen einzuziehen . . .
»Cziczan,« unterbrach
ich ihn. »Zu Befell, Herr Leitnant.« Er
hatte meine Stimme sofort erkannt. »Wir werden
morgen ins Feuer kommen.« »Zu Befell, Herr
Leitnant.« »Ich bin froh, daß ich
Sie in meinem Zuge habe.« »Zu Befell, Herr
Leitnant.« Ich trat zu ihm. »Haben Sie daran
gedacht, daß wir fallen können?« »Zu
Befell, Herr Leitnant, nein.« »Nun, das
ist gut, wir Soldaten haben auch darüber nicht
viel nachzudenken.« »Zu Befell, Herr Leitnant!«
Da fiel ein Schuß, in nicht
zu weiter Entfernung; der erste! Gleich darauf knatterten
mehrere. Cziczans Augen leuchteten wie die Lichter eines
Luchses, und stark durch die Nase gezogen klang ein
lautes: Ha. Die ganze Kompagnie kannte dieses Nasen-Ha,
das von ihm ausgestoßen wurde, wenn er stark erregt
war.
Im Biwak entstand Bewegung wie
in einem gestörten Ameisenhaufen. »An die
Gewehre!« . . . Ein Füsilier von einer Patrouille
nahte in raschem Schritte, atemlos: »Wo ist der
Herr Major? . . . wo ist . . .« »Hier!«
rief ihm schon die tiefe Stimme des Bataillonskommandeurs
entgegen.
Der Mann brachte uns die erste
Kriegsmeldung.
Noch einmal wurden die Gewehre
zusammengesetzt; es sollte, wenn noch angängig,
der Kaffee gebraut werden. Erst wuschen wir uns in den
Kochgeschirren, dann tranken wir aus denselben Behältern
den stark mit Strohhalmen und Gras gemischten Mokka.
Und er schmeckte uns nach der kalten Nacht vortrefflich.
Der Morgen war völlig angebrochen.
Viele Füsiliere lagen noch an den alten Kochstellen
und schrieben einige Worte an ihre Lieben daheim. Mancher
zum letztenmal.
Dann hieß es: »An die
Gewehre!« und »Aus der Mitte in Reihen«
ging's auf die Landstraße. Rechts und links des
Weges lagen gelöschte Wachtfeuer, öde und
unbehaglich. Wir marschierten ohne Gesang.
Um sieben Uhr überschritten
wir mit donnerndem Hurra die Grenze. Wir waren in Feindesland.
Hart hinter ihr lag ein erschossener Österreicher.
Er war bis an die Haare mit seinem Mantel bedeckt.
Es war der erste Tote.
Dann durchzogen wir ein böhmisches
Städtchen und machten ein kurzes Rendezvous im
Korn. Ein eigentümlich Gefühl, in das reifende
Weizenfeld zu treten. Aber kein Platz war sonst zu finden.
Und jede Schonung hat aufgehört. Den Teufel auch,
jetzt gilt's. Du oder ich; mit äußerster
Anspannung aller Kräfte. Das Friedensland mit seinen
Satzungen und Gesetzen dämmert irgendwo weit, weit
hinter uns.
Und wieder vorwärts! Die Sonne
brannte wie in Innerafrika. Ein sengend heißer
Tag stand uns bevor.
Kaum waren wir drei bis vier Minuten
im Marsch, als die Riesengestalt des Brigadegenerals
auf seinem gelben flandrischen Hengste uns entgegenraste.
Sein Adjutant konnte kaum folgen. Von fern schon schrie
er: »Linksum machen, die Österreicher sind
da!« Und kurz vorm Bataillon brachte er mit mächtigem
Ruck, sich tief im Sattel zurückbiegend, sein Pferd
zum Stehen, um es augenblicklich wieder herumzureißen
und, dem Gaul die Zinken einsetzend, in die Richtung
gegen den Feind uns voran zu sprengen. Noch seh' ich
die fliegenden Quasten der Schärpe.
»Linksum!« und wir
steigen in »Kolonne nach der Mitte« die
Anhöhe hinan. Der Schützenzug schwärmte
aus. Schneidig ging er vor. Der Hauptmann ritt selbst
mit. Ich führte das Soutien. Wir Offiziere zogen
die Säbel (ich mit einem gewissen theatralischen
Schwung) und ließen sie im gleißenden Sonnenlichte
ihre Freude haben. Bald kam der Hauptmann zu uns zurück.
Nichts war zu hören, nichts zu sehen.
Da . . . b s s s s s s s s s t
– b u m ! die erste Granate.
Sie flog weit über unsere
Köpfe fort. Aber wir alle, ohne Ausnahme, hatten
eine tiefe Verbeugung gemacht. Selbst der Hauptmann
schien einen Augenblick die Mähne seines Pferdes
mit den Lippen berühren zu wollen. Die zweite Granate
flog über uns weg. Die Verbeugung war schon weniger
tief.
Der Hauptmann, die Faust mit dem
Säbel auf die Gruppe seines Pferdes setzend, sah
uns lächelnd an. Aus seinen Augen strömte
eine solche Ruhe, daß wir wie auf dem Exerzierplatz
vorgingen.
Nun knallten die ersten Gewehrschüsse.
Bald hatten wir ein Wäldchen erreicht und breiteten
uns hier am andern Rande hinter den Bäumen aus.
Tak, tak, tak, sagte es, tak, tak, tak–tak–taktak–taktaktaktak–taktak–tak–taktaktak
. . . Wie in einem großen Telegraphenburean hörte
sich's an. Es waren die feindlichen Kugeln, die mit
diesem Geräusch in die Stämme schlugen, hinter
denen wir standen. Wir konnten nichts vom Feinde sehen.
Zum Kuckuck, wo kommen die Schüsse
her? Ah so, ja, ja! Von der Kirchhofsmauer uns gegenüber.
Da trifft die erste Kugel. Dicht
neben mir sinkt einer meiner Füsiliere, mitten
durch die Brust geschossen. Ich seh's vor mir: das Gewehr
entfällt ihm, sein Mund öffnet sich weit,
es ist wie ein krächzender Ton, die Augen werden
ganz groß, dann bricht er, mit den Händen
greifend, zusammen.
Und nun blieb mir wirklich nicht
viel Zeit mehr, mich mit Toten und Verwundeten zu beschäftigen.
Der Hauptmann rief mich, und wir sahen von einer dicken
Buche aus mit unseren Krimstechern ins Gefecht. Das
glänzte! Das blitzte, das funkelte! Ein weißes
Regiment neben dem andern, vor und hintereinander, zog
auf uns zu. Deutlich hörten wir hier, da, dort,
rechts, links, fern, nah die Regimentsmusiken. Alle
spielten den Radetzkimarsch.
Wir standen in der äußersten
Avantgarde.
»Hier bleiben wir!«
sagte der Hauptmann zu mir. »Zu Befehl, Herr Hauptmann,«
antwortete ich ein wenig hastig. Er legt mir lächelnd
die Hand auf die Schulter.
Plötzlich, in ausgreifendem
Schritt, kommen zwei Pferde auf uns zu, zwischen uns
und der Kirchhofsmauer. Der Brigadegeneral, mit einem
Schuß durch den Unterleib, liegt in den Armen
seines Adjutanten. Die feindlichen Jäger schießen
wie toll auf die beiden. Aber sie kommen in unserem
Wäldchen an. Der General, bewußtlos, wird
weiter rückwärts getragen. Der kühne,
schöne General. Vor einer Viertelstunde noch ein
blendender Achill, strotzend vor Mut und Kampflust!
und nun ein Häufchen Elend.
Der Feind kommt! Alle Wetter! Wir
stehen ja ganz allein. Schon über eine Stunde halten
wir das Wäldchen. Der Hauptmann geht mit einem
Hornisten nach rechts, um sich die Lage anzusehen. Ich
übernehme für den Augenblick das Kommando.
Just krabbelt's und kribbelt's an der uns gegenüberliegenden
Mauer herunter, und rechts und links von dieser brechen
dicke Kolonnen auf uns ein. Ich ziehe im Laufschritt
das Soutien an den Waldrand. Dann schrei' ich mit der
Fistel:
»Rechts und links marschiert
aus! Marsch! Marsch!« Dann, langgezogen: »Schnellster!«
Und die Hölle tut sich bei
uns auf. Mit wundervollem Mut, mit prächtigem Vorwärts,
weit die Offiziere voran, und wenn sie fallen, springen
andere vor, so dringt's her gegen uns. Aber der Feind
kann nichts machen gegen unser Blitzfeuer. Er muß
zurück. Verwundete schwanken auf uns zu.
Da kommt der Hauptmann wieder.
Er drückt mir die Hand. Und ein Funkelfeuer wirft
sein Auge in mein Herz. Ich weiß, was er will:
»Auf!« schreit er, und vorwärts, glühend
er voran, mit Marsch, Marsch auf den Feind. Wir sind
an der Mauer. Hinaus! Hinab! Mann gegen Mann. Ein langer
österreichischer Jäger hebt mich am Kragen
hoch und will mich wie einen Hasen abfangen. Aber: »Ha!«
faucht es neben mir durch die Nase, und Cziczan »flutscht«
ihm das aufgepflanzte Seitengewehr durch die Rippen.
Einen Augenblick schau' ich mich um: der alte Sergeant
steht neben mir. »Ha!« schnaubt er durch
die Nase. Seine Augen rollen. Er ist der einzige, der
auch in diesem Augenblick nicht einen Knopf, nicht den
Kragen geöffnet hat.
Und Stoß auf Stoß und
Schlag auf Schlag. Ein feindlicher Offizier zielt zwei
Schritte vor mir auf mich mit seinem Revolver. Ich springe
mit dem Degenknauf auf ihn zu. Bums! lieg' ich. Aber
es war nicht gefährlich. »Ha,« hör'
ich Cziczan, und der Offizier hat von ihm einen Schuß
durch die Stirn. Ich bin schon wieder hoch. Meinen Hauptmann
erblick' ich, von drei, vier Jägern angegriffen.
Den einen würgt er, gegen den zweiten, der wütend
mit dem Kolben auf ihn ein schlägt, hält er
den Säbel hoch. »Cziczan, Cziczan,«
ruf' ich heiser, »Cziczan, Cziczan! Der Hauptmann,
der Hauptmann!« »Ha!« und wir springen
wie wilde Katzen auf den Raub. Das war hohe Zeit.
Auf dem Kirchhof sieht's greulich
aus. Der Feind, immer wieder unterstützt, wehrt
sich verzweifelt. Auch wir haben Hilfe erhalten. Nach
wie vor ist der Kirchhof umstritten.
Aus der offenen Tür der Kapelle
quillt ein dicker schwarzer Qualm; er schlägt draußen
nach oben zum Turm. Dieser steht in Flammen.
Grausig sieht's drinnen aus. Es
wird gekämpft hier bis zum äußersten,
fast um jeden Stuhl. Ein österreichischer Infanterist
hat im Todesschmerz die halb herabgeschleuderte Madonna
umfaßt. Er ist längst tot. Über und
über sind er und das Muttergottesbild in Blut gebadet.
Cziczan ist es gelungen, auf die Kanzel zu klettern.
Von hier gibt er sicher Schuß auf Schuß
in den Knäuel. Vom Altar sind Decke und Gefäße
heruntergerissen; sie rollen hin und her zwischen den
Kämpfenden. Die Orgelpfeifen, der Erbarmer, die
Fenster, alles ist durchlöchert von Kugeln. Vergebens
suche ich in die brennende Kirche zu kommen; sie muß
endlich unser werden. Da gelingt's mir fast, aber schon
bin ich im Strudel wieder draußen. Einer packt
mich von hinten an der Schulter, eisern. Ich dreh' den
Kopf. Ein graubärtiger Stabsoffizier, mit blutunterlaufnen
Augen, will mich herunterreißen. Ich nehme alle
Kraft zusammen, zerre mich los und drück' ihn auf
ein kleines schiefes Kreuz. Er macht ein Gesicht wie
eine scheußliche Maske . . . Schindeln fliegen
vom Dach. Und im Pulverdampf, im Dunst, im Qualm ist
nichts, nichts mehr zu sehen.
Einer meiner Rekruten vom vorigen
Winter ist immer neben mir geblieben. Jetzt seh' ich
ihn noch . . . wo . . . wo . . . alles Rauch, Flammen,
Schaum, Wut . . . Da hör' ich durch all den Lärm
seine gellende Stimme: »Herr Leutnant, Herr Leutnant!
. . . Wo . . . wo bist du . . . Mehrkens, Mehrkens,
wo bist du . . . Einer umklammert meine linke Hand,
fest, schraubenartig. Ich beuge mich zu ihm. Es ist
mein kleiner Rekrut, der mich hält. Ein Schuß
von der Seite hat ihm beide Augen weggenommen. Aber
schon lösen sich seine Hände. Die Finger lassen
ab, werden starr, bleiben gekrümmt . . . und er
sinkt in den Blutsee.
Der Kirchhof ist unser! Hurra!
Hurra!
Den Hauptmann treff' ich auf der
Mauer. Fast die ganze linke Seite seines Rockes fehlt.
Das Hemd steht vorn auf. Seine breite Brust keucht in
langen Zügen. Ich springe zu ihm hinauf. Sich mit
der Rechten auf den Säbel stützend, ergreift
er meine Hände mit der Linken. So stehen wir eine
Minute, hoch auf der Mauer, schweigend. Und vor uns
dampft es, und um uns, und überall. Funken, von
der Kirche her, umtanzen uns, wie goldene Mücken.
Mein linker Fuß ruht auf dem Nacken eines beim
Übersteigen der Mauer erschossenen und hängengebliebenen
Jägers. Und so stehen wir . . . schweigend . .
. eine Minute . . . und Sieg und Sonne glüht auf
unseren Gesichtern.
»Noch kein Feierabend,«
sagt er still lächelnd, und mit: »Vorwärts!
Vorwärts!« springt er hinab; ich mit ihm.
Cziczan folgt: und alles hinterher, was noch Arme und
Beine hat.
Und wieder weiter. Die Gewehrläufe
sind zum Zerspringen heiß. Der Tambour schlägt
unausgesetzt plum–bum, plum–bum, plum–bum,
immer nach dem zufallenden ersten Schlag der nachfolgende
einzelne. Ich geh' mit dem Hauptmann vor der Kompagnie.
Plötzlich sehen wir im Feld einen Ziehbrunnen.
Hin! Hin! Er ist umkränzt von Toten und Verwundeten;
längst ist der Eimer verschwunden. Alles umzingelt
ihn im Augenblick. Da schlägt (du Biest) eine Granate
mitten in meine Leute. Sie reißt die halbe Einfassung
mit; und einige kollern mit den Steinen in die Tiefe.
Elf, zwölf Füsiliere hat sie erschlagen, die
Eingeweide herausgehaspelt, Arme, Beine, Köpfe,
große Fleischstücke hat sie sich geharkt.
Der Hauptmann läßt Avancieren
blasen und ruft: »Nicht umsehen, nicht umsehen!«
Der Tambour schlägt wieder: Plum–bum, plum–bum,
plum–bum.
Vorwärts! Vorwärts!
Was ist das? Der Hauptmann steht.
Den Säbel hält er steilhoch. »Formiert
das Karree! Marsch! Marsch!« Und wir sind schon
im Knäuel um ihn herum.
Zwei feindliche Kürassierregimenter
hatten uns wahrscheinlich schon lange vom Versteck aus
beschielt.
Schon setzen sie mit schmetternden
Fanfaren an – da kommen die rettenden Engel.
Der erste rettende Engel (der auch
als tüchtiger Reitergeneral geschielt hatte; mag
es vielleicht der Künste schwerste sein, große
Reitermassen im Gefecht richtig zu führen) war
ein kleiner dicker preußischer General, der wie
ein Gummiball heranprescht. Sein Säbel, den er
wie eine Schleuder über sich schwingt, blitzt;
sein gutgefärbtes rotes Wrangelbärtchen leuchtet
wie zwei spitze Flämmchen. Ihm hinterher –
die beiden nächsten Engel – in weiter Entfernung
voneinander in derselben Linie: ein Dragoner- und ein
Ulanenoberst. Beide, mit breiter Auslage nach vorn,
liegen auf den Hälsen ihrer Gäule. Und nun
viele hundert Engel: eine Kavalleriebrigade, zusammengekeilt,
wie der Donnerwind. Ratatata!
Der kleine dicke preußische
General haut sich schon mit den feindlichen herum. Dann
gab's einen Krach (zwei Lokomotiven in voller Fahrt
brechen nicht so ineinander), und dann war's, als wenn
sich tausend Ringel einer ungeheueren Schlange im Kreise
drehen. Bald aber verhüllte der Staub alles . .
.
He . . . he . . . Ja, was denn
. . . was ist das . . . Mein Gott, ja . . . Ein einzelner
feindlicher Kürassier rast auf uns ein. Sein Geschrei
ist Gebrüll . . . Es ist der Antichrist . . . fünfzig,
dreißig, zehn Schritte . . . bei uns . . . Kein
Gewehr gegen ihn von uns hebt sich. Wir sind im Bann
. . . Jetzt . . . Jetzt . . . Die Nüstern seines
Rappens sprühen Feuer . . . Jetzt . . . und er
haut mit einem Hieb, als holt' er aus den Sternen aus
zur Erde . . . Er hat einen Füsilier in der Mitte
des ersten Gliedes getroffen; er hat ihm den Helm, den
Kopf, den Hals bis auf den Wirbel gespalten . . . Nun
erst erwachen wir . . . Cziczan ist der erste . . .
Zwanzig, dreißig Läufe heben sich, und Roß
und Reiter stürzen wie ein schlecht geratener Pudding
in sich zusammen . . .
Einige sprangen auf und schnallten
dem tapferen Reiter den Pallasch los. An der Innenseite
der Koppel steht: Kürassier Teufel, 1. Eskadron
Regiment Graf S.
Die feindlichen Kürassiere
sind geschlagen. Es hinkt und humpelt von der Reiterwalstatt
zu uns her. Wir gehen ihnen entgegen, unterstützen
sie, nehmen sie auf. Ah, sieh da, auch mein Freund Karl,
der schmucke Ulanenoffizier . . .
In der Garnison wird er von uns
Kameraden Leutnant Schneiderschreck genannt, weil er
es fertig gebracht haben soll, einen nicht gutsitzenden
Rock achtzehnmal nach Berlin zurückzusenden, bis
er saß. Er hat einundzwanzig Bürsten, Bürstchen
und Bürstelchen, und liebt es sehr, sie an seinem
Lockenkopf in Bewegung zu setzen . . . Da kommt er nun
her, etwas kläglich. Ulanka und Hosen sind durchaus
in Fetzen; die Tschapka ist gleich zum Teufel gegangen.
Er hat (ein Reitergefecht ist nicht so gefährlich,
wie es aussieht) nur flache Hiebe erhalten . . . Ich
gehe ihm entgegen. Er blinzelt mich an. »Ein verfluchter
Schweinhund hat mir mein Lorgnon von der Nase in den
Dreck geworfen,« ist sein erstes Wort. »Aber
du hast doch deine Nase selbst noch.« Wir lachen;
aber, weiß es Gott, es ist keine Zeit zum Lachen.
Ich liebe den guten Jungen sehr.
Trotz seiner einundzwanzig Bürsten, Bürstchen
und Bürstelchen hat er ein Goldherz; und frisch
und klar sprudelt ihm Wort und Tat, und ohne Falsch.
Rechts auf seinen Säbel gestützt,
links von einem Ulanen geführt, nähert sich
uns vom Attackenfeld der Rittmeister Graf Glashand (heute:
Graf Stahlfaust). Er ist schon ernstlicher zugerichtet
als mein Freund Karl. Unausstehlich unangenehm ist er
mir von jeher gewesen. Er gehört zu den sogenannten
»Hochkirchlichen«. Ohne je eine innere Bewegung
zu fühlen, ohne Verständnis und Herz für
alles Leben, ist sein Urteil über seine Mitmenschen
hart und streng und kalt. In seiner Haartracht und dessen
Bearbeitung ist er ein Quäker im Gegensatz zu meinem
Freunde Karl. Ich glaube, er stellt seinen Generalsuperintendenten
höher als seinen kleinen dicken Brigadegeneral,
der, mit verbundenem Nacken, aus einer Protze, die von
einem Beutepferd gezogen wird (ein Schlachtfeld sieht
schon nach einer Stunde wie ein buntest verstreuter
Weihnachtstisch aus), uns entgegenfährt. Ich eile
stürmisch vor, um den mir bekannten und von mir
außerordentlich verehrten General zu begrüßen.
»Herr General erlauben mir
meinen und unser aller Dank aussprechen zu dürfen
für die wundervolle Rettungsattacke.«
»Äh, was,« antwortet
der Gummiball, der aber in diesem Augenblick recht fest
auf dem Protzkasten klebt, »äh, was,«
und er dreht sich das eine Flämmchen seines Wrangelbärtchens
in die Höhe, »heit hat jeder seine Schuldigkeit
getan . . . Diese unverschämten Limmel scheinen
keinen preißschen Jeneral zu kennen . . . Hau
ich mich da, was das Zeig hält, herum mit dem feindlichen
Jeneral, schlägt mir so'n Hundsfott von Kürassier
in'n Nacken, daß mir der Helm wackelt. Ich schrei
den Kerl an: Kennt er denn keinen preißschen Jeneral
. . . Aber der beigt sich zu mir . . .« Der kleine
dicke Herr wird plötzlich ohnmächtig. Rechts
zu ihm setzt sich Graf Glashand, links mein Freund Karl;
und so fährt der schneidige General, dem ich mein
für ihn entzücktes Herz mitgebe, inmitten
von Pharisäer und Weltkind, auf den Verbandsplatz.
Grade bringt ein Adjutant auf einem
Husarenpferde, dessen Schabracke nach der einen Seite
hängt, dem Hauptmann den Befehl. daß die
Kompagnie halten und, indem er auf eine Mulde zeigt,
sich mit dem Regiment vereinigen soll – als eine
letzte, weit herkommende, matte Kugel dem alten Cziczan
ins Herz schlägt; sie hat just noch so viel Kraft,
daß sie ihn auf der Stelle tötet. Und Cziczan
ist den Heldentod gestorben. Wir haben keine Zeit, ihn
zu begraben. Morgen früh kommt er mit den übrigen
(schichtweise werden sie gelegt) ins Massengrab. Ich
schiebe ihm unter den Rock, auf das dunkelblaue Fleckchen,
wo die Kugel eingedrungen ist, seinen Waldersee. Vorher
hab' ich eine neben mir stehende Taglichtnelke gepflückt
(die weiße Blume war allerliebst mit roten Bluttüpfelchen
gesprenkelt), und lege sie auf die Stelle:
Mit kühner Todesverachtung
stürze der Soldat sich dem Feind entgegen, und
erreicht ihn eine feindliche Kugel, so falle er mit
dem erhebenden Bewußtsein, daß es kein schöneres
Ende für ihn gibt, als ein ruhmvoller Tod für
König und Vaterland. –
Und Bataillon auf Bataillon, noch
frisch, marschiert bei uns vorüber nach vorn; Verfolgungsbatterien
rasseln in die Ferne. Wir aber ziehen uns der Mulde
zu, um uns dort mit dem Regiment zu vereinigen.
Welch ein Wiedersehen! Welches
Wiederfinden! Welches schmerzvolle Vermissen!
Die alten, heiligen Fahnen meines
Regiments hat die Siegesgöttin geküßt.
Auf ihren Lorbeerhainen hat sie uns Kränze gebracht.
Den Verwundeten fächeln ihre Flügel Kühlung,
den Gefallenen zeigt sie mit goldener Hand lächelnd
Walhalla.
Kein schönrer Tod ist in der
Welt,
Als wer vorm Feind erschlagen,
Auf grüner Heid', im freien Feld,
Darf nicht hör'n groß Wehklagen.
Im engen Bett nur ein'r allein
Muß an den Todesreihen:
Hier findet er Gesellschaft fein,
Fall'n mit wie Kräuter im Maien.
Und die Nacht sinkt. Tod und Schlaf, die Brüder,
sind bald nicht auseinander zu kennen; so ruht's auf
dem Schlachtfelde.
Wir Offiziere sitzen um ein Feuer.
Und einer nach dem andern von uns schließt auf
der Stelle, wo er sitzt, liegt, die Augen. Mein treuer
Bursche hat irgendwo eine Pferdedecke für mich
erobert; er wickelt mich sorgfältig hinein wie
ein Kind.
Noch hör' ich, wie mein in
den Kreis tretender Hauptmann sagt: »Der König
ist bei der Armee eingetroffen, und mein letztes Wort
ist, ehe ich in festen, traumlosen Schlaf falle:
»Der König! Der König!«
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