Roggen und Weizen
Übungsblätter
Erscheinung
Schon
um drei Uhr früh bin ich aus dem Bette. Ich nehme
Gewehr und Patronen, und, dicht ans Fenster tretend,
um besser zu sehen, unterziehe ich beides einer genauen
Besichtigung. Vor meinem Schlafzimmer hat mein Hund
mich bemerkt. Ich höre ihn, vor Freude, nervös
gähnen und jaulen, und höre, wie er sich reckt,
die Vorderläufe gradeaus streckend. Er weiß,
daß ich auf Jagd will.
Der Morgen ist kühl, einsam,
tot. Kein Blatt rührt sich. Mein Hund springt wie
toll umher, auf und ab, bald vor mir, hinter mir, dann
weit weg, wieder zurück, beschnobert meine Tasche,
und wieder heidi.
Ich trete aus dem Garten in ein
großes, brach liegendes Feld und überwandre
es in genauer Richtung nach Osten. Die erste Röte
zeigt sich noch nicht; die Sterne leuchten nicht mehr,
nur der Morgenstern funkelt mächtig in der matten
graubraungelben Himmelsfarbe.
Und vor mir liegt das unabsehbare
Feld. Verschwommen nur erblick ich einen dunklen Streifen,
den Wald, mein Ziel.
Unendliche Stille.
Da jagt mein Hund zu mir mit eingeklemmter
Rute; er drängt sich wie in Todesangst an meine
Beine, sieht zu mir hinauf. »Aber, Waldmann, was
hast du denn, du Schafskopf.« Er aber drückt
sich an mich, wie ein sehr erschrocken Kind an seine
Mutter. Ich bleibe stehen, beuge mich zu ihm, streichle
ihn: »Aber, Waldmann, was ist denn, was hast du
denn?« Nun schau ich auf. Sind Kühe in der
Nähe, die hinter ihm hergelaufen sind? Was ist
das? Kaum vierzig Schritte vor mir steht, etwas nach
Norden gesunken, ein großes hölzernes Kreuz,
und am Kreuz hängt ein nackter Mann, die Arme gebreitet,
das Haupt nach der Seite geneigt. Bei allen Mächten!
kommt mir eine Erscheinung? Aber mein Hund, mein Hund.
Nein, nein, das Kreuz steht wahr und wahrhaftig vor
mir. Durch meinen Körper zittert es leise. Ich
bin doch nicht feige. Vorwärts. Mein Hund will
nicht mit. Doch nach kaum zehn Schritten muß ich
halten. Ich stürze auf die Kniee. Der Erbarmer
ist es, mit gebrochnen Augen. Und eine so unsagbare
Milde lächelt auf den schönen blassen Zügen:
Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie
tun.
Und das Kreuz hebt sich scharf
ab gegen den mattgraubraungelben Himmel, und der Morgenstern
funkelt so kalt, so kalt. Da hör ich vom Walde
her brausenden Sturm; er nähert sich, aber statt
stärker zu werden, wird er schwächer, immer
schwächer, und legt sich zur Ruhe am Kreuz . .
. und kein Grashalm bewegt sich.
Das Bild ist verschwunden. Mein
Herz klopft; ich schreite meinem Holze zu. Der Hund
hat sich gänzlich erholt; er springt wieder umher.
Ich hatte einen leidlichen Jagdtag.
Nur Waldmann hatte mir Ärger bereitet: bald war
er mit Dorfkötern im Gefecht, bald hörte der
sonst so vortreffliche nicht auf meinen Ruf; ja einmal
mußte ich ihn sogar mit vieler Mühe aus einem
Moorloch ziehen. Ich wette, er wäre sonst ertrunken.
Wie ein Dreckklumpen sah er aus; all sein Schütteln
half ihm nichts.
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