Roggen und Weizen
Übungsblätter
Heranziehendes Gewitter
. . . komm ich so in die einzige
Dorfkneipe, wische mir den Schweiß von der Stirn,
suche Wasser für meinen Hund, stell mein Gewehr
in die Ecke, nehme die Jagdtasche ab und sage zum Wirt:
»Schalk man Lütten unn Glas Beer hem«.
Dann tret ich ans Fenster: »Dat war noch eben
Tid. Dat süht ja dull ut. In tein Minuten hem wit
Gewitter hier.« – »O, dat duert nochn
beten; dat kummt nich so gau up,« antwortet Hinrich
Ohrt, der Schenkenbesitzer, und spült seine Gläser
weiter.
Hinrich Ohrt kenn ich lange. Er
ist ein wortkarger, meistens mürrischer Mann. Seine
Wirtschaft hat er gut in Ordnung.
Es ist unerträglich heiß
in der kleinen Stube. Die Fliegen haben just ihre Zeit.
In den noch auf dem Tisch von frühern Gästen
her stehenden Bier- und Schnapsgläsern führen
sie ein Schlemmerleben. Einige büßen ihre
Lüsternheit durch Zappeln in den Resten. Kein schöner
Anblick. Aber gradezu entsetzt wendet sich mein Auge
ab von einem Hafen, in dem schon hunderte dieser lästigen
Tiere gefangen sind oder tot liegen; viele krabbeln
noch in letzten Zuckungen. Ich nehme rasch eine fettbetupfte
zweite Beilage der »Itzehoer Nachrichten«,
die in einer Sofaecke schlief, und bedecke das schreckliche
Gewimmel.
Und wieder trete ich ans Fenster.
Ich öffne es: schwarze, schwere Wolken ziehen langsam
von Süden heran. Noch lauern die Blitze hinter
den Vorhängen, wie Seeräuber hinter der Brüstung
ihres Schiffes kauern, um auszufallen. Immer näher
schiebt sich die finstre Stirn des bösen Wetters.
Ans weiter Ferne grollt es dumpf.
Unter mir liegt der Garten des
Kruges. So ein kleiner, bescheidener holsteinischer
Bauerngarten mit seinem Blumenkunterbunt, mit seinen
Buchseinfassungen, dem letzten Ueberbleibsel des Versailler
Parkes, ist mir, dicht vor Ausbruch eines Gewitters,
von jeher vorgekommen wie eine junge demütige Sklavin,
die willig ihren Nacken neigt, um sich von irgend einem
hohen Herrn schlagen zu lassen.
Zweig und Ast stehen regungslos.
Das weißgraue Blatt einer Silberpappel wirbelt
hoch in der Luft. Es muß in einer schmalen Windströmung
fliegen, die wir unten nicht merken.
Von links, von einem nicht sichtbaren
Hause her, hör ich deutlich die ärgerlichen
Worte: »Wat, Schiet, lat mi tofreden« .
. . Und gleich darauf seh ich auf dem Fahrwege einen
gebückt gehenden Greis. Er hat ein echtes Geizhalsgesicht.
Plötzlich bleibt er stehn und schaut drohend zurück,
unverständlich vor sich hinmurmelnd.
Von rechts, auch von einem nicht
sichtbaren Hause, klingt das Geräusch eines mit
aller Gewalt geschlossen werden sollenden Fensters.
Schlag auf Schlag geht das Zuschlagen. Sachte, sachte,
sag ich in Gedanken, und . . . klirr liegt die Scheibe
unten. »Das kommt davon« . . . »Trina,
schast to Huus kamen,« rufts irgendwoher.
Auf der Straße treibt ein
großes Kalb vorüber, wütend von einem
Dorfköter verfolgt. Das Kalb schlägt mit den
Hinterfüßen nach dem Hunde. Endlich hat er
eins weg. »Da kreg he een up de Snut,« bemerkt,
unausgesetzt seine Gläser spülend und trocknend,
Hinrich Ohrt.
Im Garten erscheint die blonde,
frische Frau des Wirtes. Sie trägt ihren vierjährigen
Jungen auf den Armen. Der Bengel fuchtelt gewaltig mit
einem großen hölzernen Suppenlöffel
umher. Die junge, glückselige Mutter läßt
ihr Kerlchen in ihren Armen tanzen; dann zeigt sie ihm
die Wolken. Da blitzt es, und noch einmal. Der Knabe
wirft den hölzernen Suppenlöffel hin und greift
nach den Blitzen. Welch ein reizendes Bild das ist.
Aber nun donnerts stärker. »Jung, Jung, Jung,
nu möt wi gau to Huus.« Und Mutter und Sohn
verschwinden.
Ein greller Blitz und gleich darauf
ein heftiger, langaushallender Donner. Ich schließe
das Fenster. »Dat warn bannigen Slag,« sagt
Hinrich Ohrt, und spült und reibt und trocknet
ruhig seine Gläser weiter.
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