Roggen und Weizen
Übungsblätter
Hetzjagd
In dem mir bekannten Waldkrug hatte
ich zu Mittag gegessen. Die hübsche Wirtstochter
setzte den Kaffee auf den Tisch und sich selbst neben
mich, um mir, auf meine Bitte, Gesellschaft zu leisten.
Vorhin, als sie an der Schenke hantierte, als ich ihre
Hände, ihre Arme, ihre runden Körperformen
in Bewegung sah, wenn sie Gläser herunterlangte
zum Gebrauch, oder solche hinaufstellte, um wieder den
richtigen Platz zu finden – als sie so an der
Schenke hantierte, sagte ich plötzlich, ohne irgend
welchen Zusammenhang: »Anna, Se sünd dat
Glück.« »Wat bün ick,« lachte
sie mir zu. Aber nun lachte ich auch, und das Wort wurde
nicht wiederholt.
Die junge Bauerntochter strickte
emsig neben mir an einem Strumpf. Der alte grüne
Papagei, den vor Jahren einer ihrer Brüder, der
Seemann, ihr mitgebracht hatte aus fernem Lande, saß
in seinem Ring und schlief. Zuweilen, wie im Traume,
rief er: »Anna, koch Kaffee,« zuweilen hob
er die Deckel von den runden bösen Augen, um sie
gleich wieder zu schließen. Auch kratzte er sich
einmal schnell am Schopfe und knabberte an den Krallen
seines rechten Ständers, und dann schlief er wieder.
Es war eine heiße Septembermittagstunde.
Der große Pan schlief. Alles schlief. Nichts regte
sich auf der Dorfstraße. Nur das leise Lied einer
jungen Mutter, die ihr Kind wiegte, und das Geräusch
der Wiege selbst klang aus einem Nachbarhause, bis auch
dies erstarb.
Und der große Pan schlief.
Und das ganze Dorf schlief. Und mein Hund schlief, zuweilen
im Schlaf mit den Beinen hinter einem Hasen laufend,
und der grüne Papagei schlief, und Anna schlief,
und, Gott seis geklagt in solcher Nähe, ich endlich
auch.
Aber ich erwachte bald. Alles um
mich her war noch still, und still wollte ich mich wegschleichen,
das Zehrgeld auf den Tisch legend. Doch während
ich mein Gewehr aus der Ecke nahm und mein Hund aufsprang,
sah ich das schlafende Mädchen und den derben Strumpf
in ihrem Schoß. Ihr Kopf lag ein wenig nach hinten
gelehnt.
Ich ging auf den Zehen zu ihr hin
und küßte sachte, sachte die roten frischen
Lippen. Sie aber, wie im Traume und noch im Schlafe,
schlug ihre Arme um meinen Nacken und zog mich an ihre
Brust.
Und der große Pan war erwacht,
und Alles wurde wieder wach. Mein Hund dehnte sich,
die Vorderbeine streckend, und wollte dann, Hals gebend,
an mir heraufspringen. In diesem Augenblick schob auch
der grüne Papagei die Deckel von seinen runden
bösen Augen in die Höhe und rief: »Anna,
koch Kaffee.« Der Hund erschrak, wollte den Schweif
zwischen die Beine stecken und ging dann, als ich ihn
ermuntert hatte, vorsichtig ans Bauer, hier, nach dem
Vogel, der dadurch in Unruhe geriet, schnobernd.
Und der große Pan war erwacht.
Ich befand mich seit zwei Stunden wieder auf den Koppeln
und zwischen den Kartoffeln, um Hühner zu schießen.
Aber so ein heißer Septembernachmittag macht müde.
Unter ein Knick legte ich mich nieder, kreuzte die Arme
unterm Kopf und sah in die Höhe. Kleine reifende
Haselnüsse guckten auf mich nieder, und zwischen
den Zweigen erblickte ich den blauen Himmel. Im Begriff,
die Augen zu schließen, bemerkte ich noch, wie
eine langbeinige Spinne schleunigst über meine
Kniee eilte, grade auf die Schnauze meines eng neben
mir liegenden Hundes zu, dem sie jedenfalls ein unangenehmes
Kitzeln . . . aber schon lag ich im Schlafe.
Wachte ich oder träumte ich.
Aber ich sah doch deutlich die kleinen reifenden Haselnüsse
über mir und wie sich ein Kohlweißling auf
ein Blatt setzte und die Flügel langsam auf und
zusammen und wieder auf und zusammen schlug. Und meine
Lider schlossen sich.
»Lat mi doch man eenmal,«
hörte ich deutlich – und es war die hübsche
Anna aus dem Waldkrug – »Du büst ja
ok min Schwester. Lat mi doch man eenmal din ganzes
Heer, all din Sünden un Leiden un Kummer un Krankheit
. . . giv mi dat man eenmal . . . un ick vörup
upn Schimmel . . . man een Dag . . .«
Und eine tiefe, mißmutige,
heisere Stimme, daß mich ein Grauen überlief,
antwortete langsam: »Nimm es denn auf einen Tag,
und hetz, hetz, hetz die Menschen.«
Mir aber war es klar: das Glück
hatte ihre Stiefschwester, das Unglück, gebeten,
ihr auf einen Sommertag das ganze Heer der Menschenplagen
zu leihen.
Ich lag noch unter den Haselnußsträuchern.
Aber dicht mir vorüber zog sich eine breite Landstraße,
die jenseits von einem Tannenwald begleitet wurde, daß
ich keine Fernsicht hatte.
Neben meinem Kopfe saß, in
Narrentracht, ein Zwerg. Der Zipfel seiner Kappe fiel
ihm auf die unförmliche Nase. Die Kniee hatte er
mit den Armen umspannt.
Plötzlich kam ein wirres,
zunehmendes Geräusch an mein Ohr. Dazwischen hörte
ich Pferdegetrappel.
Und der widerwärtige Zwerg
grinste, als ich ihn stumm mit den Augen fragte, und
dann sagte er: »Paß auf.«
Immer lauter erklang das unerklärliche
Geräusch.
Da plötzlich näherte
sich auf der Landstraße ein großer berittner
Zug. Ungeordnet drängte Alles durcheinander. Er
kam in dichter unabsehbarer Menge. Und alle Pferde griffen
aus in lebhaftem Schritt.
Ah, vorneweg, auf einem kräftigen
Rotschimmel, saß das Glück. Es war, der Himmel
fällt ein! die hübsche Anna aus dem Waldkrug.
Wie ein Mann auf ihrer Stute sitzend, hatte sie die
linke Faust im Mähnenschopf vergraben; die Rechte,
in der sie eine Gerte trug, stützte sich auf die
Kruppe des Pferdes. Sie schaute nach rückwärts
und lachte, lachte, lachte, daß das goldne Krönlein
auf ihrem Haupte gleißte und glitzerte. Die langen
blonden Haare fielen ihr über den Nacken. Zwischen
den Ohren des Gaules in einer Höhe von zwei, drei
Fuß flog mit ihren sanften Schwingen eine Turmeule.
Neben ihr rechts und links trotteten zwei Bulldoggen,
die die Schnauzen auf der Erde hatten, als suchten sie
Witterung.
Und dann folgte in dichtem Gedränge
der unermeßliche Zug der Leiden und Leidenschaften.
Alles das, was dem Menschen durch sich selbst und durch
andre geschieht, Krankheit und Kummer, Elend und Not,
Alles, Alles, die Pferde immer in lebhaftem Schritt,
webte sich an mir vorüber. Eine solche Farbenpracht
hatte ich im Leben für unmöglich gehalten.
Links rückwärts, in halber
Pferdelänge nah dem Glück, ritt auf einem
dürren Klepper die Armut, die Geldnot, als die
schrecklichste aller Plagen. Sie beugte das entstellte,
verzerrte, verhungerte Haupt. Rechts rückwärts,
in einer Linie mit der Geldnot, sah ich die Sorge: ein
winziges Persönchen. Sie hatte den Kopf der lästigen,
nicht nachlassenden Schmeißfliege.
Dann folgten die Tausende.
»Ich bitt dich, der! der!
wer ist es?« fragte ich fiebernd den Zwerg.
»Beschreib ihn mir. Wie kann
ich wissen, wen du meinst in dem Gewimmel.«
»Der dort, der im scharlachroten
Wams, mit dem diamantenbesetzten Dolch im goldnen Gehenke;
mit den glühenden schwarzen Augen, die stier gradeaus
schauen, sieh, sieh, wie er das Haupt vorbeugt.«
»Das ist der Haß,«
grinst der Zwerg.
»Aber hinter ihm, die, die
da; es raucht um sie, über ihr, das ist dampfendes
Blut, so sieh doch.«
»Die Rache,« grinst
der Zwerg.
Und eine gelbe Gruppe, immer die
Pferde im lebhaften Schritt, zog vorbei. Gelb in allen
Schattierungen.
»Und der dort, mit dem grämlichen,
verbissenen Gesicht?«
»Der Neid.«
Und hinter ihm, und um ihn her
begleitete ihn die Schmähsucht, der Hohn, die Scheelsucht.
»Aber nun die mit den gelben
Hundeblumen im Haar?«
»Die Eifersucht.«
»Und das alte Tantengesicht
im Lilakleide und mit der grasgrünen Haubenschleife;
sie sitzt auf dem kleinen dicken Nordländer und
schiebt sich in steter Unruhe, bald hier, bald da in
die Reihen?«
»Die gedankenlose Klatschsucht;
ein infames Weib.«
»Ah, da kommt Gambrinus,
der Gott der Deutschen. Er hat einen Brauereigaul bestiegen.
In der Linken hebt er ein schäumendes Bierglas
hoch. Aber wie kommt denn der in diese Gesellschaft?«
»Jawohl, jawohl, das ist
Gambrinus, der Gott der Deutschen; nun denn, ich führe
ihn dir vor« und der Zwerg brachte die wulstigen
Lippen unangenehm nah an mein Ohr, »das ist dein
deutsches Volk selbst.«
»Narr, Narr, rühre mir
nicht an meinem Heiligtume.«
». . . das oft durch seine
Verständnislosigkeit seine Dichter und Künstler
ins Grab gebracht hat. Denn dein Volk, das muß
ich dir sagen, sieht und liest nicht gerne Ursprüngliches;
es muß Alles fein nach der gewohnten Leier gehn.
Dein Volk, ja, die biederen Schützen- und Sängerfeste.«
»Höre auf, Narr, schmähe
mir mein Vaterland nicht. Ich mag nicht mehr sehen,
mir schwinden die Sinne über die unbeschreibliche
Farbenpracht. Aber jene dort, mit dem strengen Gesicht,
mit der Stachelkrone und mit dem Stachelgürtel
und der Knute in der Hand. Jetzt winkt sie mir zu.«
»Das Gewissen.«
»Aber das Gewissen gehört
doch nicht in den Zug der Laster und Leiden?«
Der Narr lachte boshaft: »Nun,
nun, ich ließ sie erscheinen. Ich dachte . . .«
»Mach ein Ende, Narr.«
»Wenn du willst?«
»Aber die dicke Dame im Lehnsessel
auf dem Esel?«
»Die Trägheit.«
Und dann erschien als Schluß
ein Elefant. Auf seinem Rücken, unter knallrotem
Baldachin, im feuerroten Stuhl, saß ein verlebter,
blasser, blonder, junger Mann. Er schaukelte auf seinen
Knieen zwei geschminkte Huren. Zwischen den plumpen
Ohren des mächtigen Tieres kraute sich der grüne
Papagei den Schopf. Als Führer der Bestie klemmte
sich über den kurzen Hals ein Affe. Der Rüssel
des Ungetüms stieß fortwährend den Esel,
der nicht vorwärts wollte.
»Erkläre mir, Narr.«
»Es ist der Satan mit seinen
beiden Liebsten, der Lüge und der Gemeinheit.«
Es war der Schluß.
»Wie lange hat das Vorüberziehen
gedauert, Narr?«
»Durch die Ewigkeit.«
»Du lügst! Die Ewigkeit
hat keinen Anfang und kein Ende.«
»So wünschest du weiter;
ich gab dir einen Schluß.«
»Nein, nein, genug, genug.«
Ich schlug die Augen auf. Über
mir hingen noch immer die kleinen reifenden Haselnüsse
mit bräunlichem Anflug. Auf meine Brust hatte sich
eine schillernde Fliege gesetzt und putzte und strich
emsig die Vorderbeine. Neben mir zeigte sich ein Feldmäuschen:
kurze, rasche Bewegungen, dann Halt und Schnuppern in
der Luft. Plötzlich lief sie an einen nicht weit
von mir entfernten Pflug und versuchte die scharfen
Zähne, reizend sah es aus, an der eisernen Pflugschar.
Dann erschrak sie grenzenlos vor einem Blatte, das neben
ihr zu Boden fiel und war eiligst verschwunden.
Und nochmals schlief ich ein. Der
Narr saß wieder neben mir in seiner alten Stellung.
Aber nicht die breite Landstraße lag vor mir.
Ich schaute auf ein weites, fernliegendes Brachfeld.
Jene herrlichen, tiefpoetisch klingenden, preußischen
Reitersignale tönten mir ins Ohr. Kommandorufe
wehten zu mir her. Eskadron Tr–aaaab. Was war
das? In Schwadronen geordnet, trabten die Laster und
Leiden in der Ebne. Voran bemerkte ich deutlich das
Glück. Wie das glitzerte und glänzte und blitzte
und blendete.
»Was bedeutet das, Narr?«
»Du sollst es bald erkennen.«
Er schlug mich mit einer Distel, die er in der Hand
hielt, an die Stirn: und ich befand mich im Hochwalde.
Unter einer säulenartigen Buche stand ein Mensch.
»Wer ist das, Narr?«
»Jedes Kind würde deine
lächerliche Frage unterlassen haben. Kennst du
ihn nicht? Du bist es selbst; oder wenn du willst: das
ist Adam.«
Ganz, ganz fern, in unendlicher
Entfernung, klang ein Tönen und Rufen in den Wald
hinein, das jedem Jägersmann, wenn er ihn hört,
vor Freude zittern läßt: »Horido, do,
do! Horido, do, do! Hep, hep, Horido! Do, dodo! Horido,
do–dooo–do.« Das Geschrei näherte
sich: »Horido, do, do! Horido! Do, do, Horido–do,
dooo–do!« Keine Kavalleriesignale klangen
mehr; die Treiber gingen vor: »Horido, do, do
. . . Horido . . . . do, dooo! Do! . .« Einzelnes
Wild flüchtet schon; der Wald geriet in Aufregung.
Durch knackende Zweige über Gräben und Pfützen,
Alles flüchtete. Ein Fuchs erscheint. Er macht
kehrt, setzt sich auf die Hinterbeine und hält
den Kopf schief. Er überlegt. Endlich macht auch
er die Wendung und eilt den andern nach.
»Horido, do, do–doooo–do,
do . . .« Der Mensch unter der Buche horcht. Er
hat das Haupt vorgestreckt und horcht, horcht . . .
»Horido, do, do–doooo,
horido – do, do . . .«
Mit Todesangst in den Zügen
macht er kehrt und eilt davon. Er weiß, die Jagd
gilt ihm. Aber so schnell er läuft . . . immer
näher, immer näher: »Horido, do, do–doooo,
do, do! . . .«
Einmal macht er keuchend Halt.
Die Brust fliegt ihm. Die Hände hat er an die hämmernden
Schläfen gelegt.
»Horido, do, do – Horido,
do, do–do–doooo–do, do!«
Und wieder wendet er sich zur Flucht.
Aus der Treibjagd ist die Hetze
geworden . . .
Da öffnet sich ihm eine Lichtung.
Diese führt in rasch steigender Steile zu einem
Felsblock hinauf. Vielleicht ist dort die letzte Rettung.
Schon zeigt sich hinter ihm das
bunte Feld.
Von allen Seiten brichts heran
und heraus, den Hügel heran. Voraus, weit voraus
hetzt das Glück.
Nun – nun ist er verloren
. . . Er will vom Felsen springen, aber unter ihm gähnt
eine unsichtbare Tiefe.
Immer näher ist ihm die Hetze
auf der Spürbahn. »Halali, Halali . . .«
Er läßt sich von der
Kante gleiten und strauchelt. Noch hält er sich
mit den Fingern am Rande.
Das Glück springt vom Pferde,
läuft auf ihn zu und trampelt mit den Füßen
auf seinen Händen, bis er losläßt und
ins Bodenlose sinkt. Einmal im Stürzen, greift
er nach einem Ginsterstrauch, der vorragt. Aber die
Wurzelchen sind zu schwach.
Das Glück schaut ihm nach
in den schwarzen Schlund, bis eine Stille eingetreten
ist. Dann hebt es den Arm, und wie auf Kommando schallt
ein grausiges Siegesgeheul, daß Wald und Feld
tausendfach widerhallen.
Der Elefant und der Esel mit der
lieben Trägheit waren zurückgeblieben. Der
Teufel hat es auch nicht nötig, sich zu ereifern.
Als ich nach einigen Tagen wieder
im Waldkrug erschien, erzählte ich der schönen
Schenkin, während sie sich bei den Gläsern
und Flaschen zu schaffen machte, was ich geträumt,
und wie ich sie als das Glück auf dem Rotschimmel
gesehen habe, ein goldnes Krönlein auf dem Haupte,
die langen blonden Haare am Rücken hinunterfallend.
»Ach wat, dat ol Tüch
versta ick nich,« antwortete sie mir, den Kopf
zu mir über die Schulter wendend.
Aber ehe ich meine Flinte unter
den Arm genommen hatte, um weiter zu jagen, waren wir
schon wieder gute Freunde geworden.
|