Roggen und Weizen
Übungsblätter
Uns' leve Fru up dem Perde
Die Väter der Stadt, alle
gesetzt, graubärtig, klug und weise, hatten eine
wichtige Beratung. Der Bürgermeister, mit einem
langen schlohweißen Zwickelbart, mit stets gefurchter
Stirn, mit finstern Augen, in denen schwarztiefe, fensterlose
Kerker lagen, war der klügste und weiseste.
Und sie beschlossen: Weil alle
Ruhe und Zucht unter den Männern verloren gegangen
ist, weil der Vater den Sohn, der Sohn den Vater erschlug
um ihretwillen, so muß die Hexe sterben. Auf einen
wilden Schimmel soll sie festgebunden werden; und der
mit glühenden Stangen, mit Peitschen und Stöcken
rasend gemachte Hengst soll mit ihr in die Haide jagen..
Apage, apage, Satanas. Der Gaul schleift sie durch Dornen
und Gestrüpp, drängt sie an die Stämme
im Wald, versinkt mit ihr in Sumpf und Moor. Apage,
apage, Satanas!
Vier in feuerrot Tuch geschnürte
Henkersknechte mit schwarzen Gugelkappen, daß
sie nicht erkannt werden, bändigen und halten mit
aller Anstrengung den vor Wut zitternden Hengst. Einer
packt ihm in die Nüstern, daß die bösen,
blitzenden Augen des furchtbar gequälten Tieres
lohen wie Höllenglut.
Ist der Gaul fertig?
Nun bringen zwei andre in Scharlach
gekleidete Gugelmänner das junge Weib.
O heilige Mutter Gottes, streck
deine Arme vom Himmel.
In ein langes weißes Gewand
gehüllt, mit gebeugtem Haupt, mit aufgelösten
Haaren, die ihr bis zum Gürtel fließen, naht
die Unselige.
Und ein blasses, süßes
Gesicht und zwei große braune, ach, nun entsetzt
blickende Augen suchen in den Wolken: O alle ihr Heiligen,
helft mir! O Lamm Gottes, hilf mir! Gloria Dominae!
Gloria in excelsis!
Was konnte denn sie dafür,
daß alle Männer, junge und alte, die größesten
Torheiten begingen, kamen sie in ihre Nähe. War
es ihr zartes, hellrosarotes Fleisch, was sie toll machte?
Nun ist sie festgeschnallt. Der
Hengst wird gepeinigt. Los! Und mit ungeheurem Sprunge,
mit einem Schrei, wie ihn das Pferd nur im äußersten
Schmerz ausstößt, stürmt die Jagd in
die Haide.
Und über die Haide sandte
die Sonne ihre letzten Küsse. Und die Abendröte
tröstete aus dem Meer. Und die Nacht deckte Alles
zum Frieden mit ihren weichen, schwarzen Flügeln
zu. Und das gute, kleine Schleswig-Holstein schlief
so fest, wie es schon so viele Jahrhunderte fest geschlafen
hatte, so abseits aller Welt, so abseits.
Am andern Morgen wogte große
Bewegung durch die ganze Stadt. Und Alles zog, Bürgermeister
und Rat an der Spitze, diesen voran noch die Chorknaben
mit geschwungnen Weihrauchkesseln, hinaus in die Haide.
Ehre sei Gott in der Höhe, sangen die Priester,
und die Weiber, die Kinder, die Männer fielen ein:
Ehre sei Gott in der Höhe.
Und die milde Morgensonne schmiegte
sich um die braune, liebe, bescheidene Erika.
Weiter, weiter, wir finden sie.
Da schlugen die Mönche das
Kreuz, und Alles fiel auf die Kniee: Vor ihnen aber
stand ein weißes Roß und schnoberte im dürftigen
Grase, und war fromm und zahm. Und auf ihm, seitlängs,
wie eine Kunstreiterin, die sich Kreide unter die Sohlen
reiben lassen will, undornengeritzt, saß das junge
Weib. In der Hand hatte sie einen Strauß der braunen,
lieben, bescheidnen Erika. Sie lächelte und legte
das schöne Haupt auf die Mähne, und lächelte,
und lächelte. Und über ihr, aus dem Himmel,
sangen tausend dicke Engelskinder, und eine sanfte Stimme
klang: Gott ist die Liebe.
Keiner aber hörte es. Nur
der große, stattliche Bischof mit der Geiernase
und mit dem mächtigen Siegelringe auf der violettbehandschuhten
Rechten hörte die sanfte Stimme:
Und er trat vor: »Sie ist
kranken Sinnes.«
Und zurück pilgerte die ganze
Stadt, in die Mitte genommen das junge, süße
Weib mit den großen braunen Augen. Und willig
ging die wahnsinnig Gewordne ins Kloster.
Die gute Stadt aber baute an Ort
und Stelle, wo sie die Ärmste gefunden hatten,
eine Kapelle.
Und das Kirchlein nannten sie:
Uns' leve Fru up dem Perde.
Gloria Dominae!
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