Roggen und Weizen
Übungsblätter
Wilde Gänse
Es war zu Ende des achtzehnten
Jahrhunderts. In einer kleinen jütländischen
Stadt begleiteten an einem Dezembermorgen die erwachsenen
männlichen Einwohner einen Sarg, in dem die Leiche
eines Neunzigjährigen ruhte. Sie gingen zu dreien,
durch den langsamen Schritt wackelnd, turkelnd, mit
ernsten Mienen, hin und wieder dem wohlbekannten Nachbar,
eine kleine Stadt bildet eine einzige Dutzgesellschaft,
zuflüsternd, daß heute das Schwein des Hauses
geschlachtet werde, daß Nis Nissen gestern von
Peter Petersen auf dem Gericht verklagt sei, weil Nissens
Frau, um Petersens Eheweib zu ärgern, ihre Nachtmütze
auf Peter Petersens Hecke gelegt habe; und was mehr
der Art Gespräche hinterm Sarge sind.
Und nun waren sie an der »Kuhle« auf dem
Kirchhofe angekommen. Der Pastor hielt eine kurze, warme,
würdige Rede, in der er des Neunzigjährigen
Leben vorüberziehen ließ; es sei Arbeit und
Mühe gewesen. Dann senkten die Träger die
Truhe ins Grab, und die Seile knarrten leise. Es war
still ringsumher. Nur das Schluchzen der Anwesenden,
die alle den alten Mann im Herzen getragen hatten, klang
in den Nebel, der die bereiften Bäume ummantelte.
Ein kalter, starrer, stummer Wintertag drückte
sich mißmutig über die Erde.
Die Seilehalter auf der Linken ließen die Taue
los, und die auf der Rechten zogen sie empor.
Über das Grab weg, unsichtbar, stürmte plötzlich
von Nordosten nach Südwesten eine Schar wilder
Gänse mit wüstem Gekrächz, und alle schrien:
Leben, Futter, Leben, Leben . . . und dann waren sie
verschwunden.
Unten aber lag der stille Mann und war für immer
erlöst von Futter und Leben.
* *
*
An demselben Tage war die kleine Kirche in einem Dorfe
südlich der untern Elbe bis auf den letzten Platz
gefüllt. Der achtzigjährige Prediger des Ortes,
von allen auf das höchste verehrt wegen seiner
Herzensgüte und werktätigen Liebe und weil
keiner je von ihm gegangen war, den er nicht getröstet
hatte, dem er nicht geholfen hätte mit Spruch und
Brot, hatte, seines hohen Alters wegen, einen Gehilfen
erhalten. Aber was war das? Der einführende Bischof,
auf die Stufen des Altars tretend, sprach am Schluß
des Gottesdienstes harte, grausame Worte: daß
es Zeit gewesen sei, den Seelsorger der Gemeinde zu
entziehen, der Irrlehren von der Kanzel gestreut. Daß
die Gemeinde in Gefahr geschwebt habe.
Der Bischof hatte Befehl von seiner über ihm stehenden
Behörde, so zu sprechen. Bei seinen Worten senkte
sich ein grauer Schleier über den geschnitzten
Heiland, der hinter ihm hing.
Und keiner war, als der letzte Vers gesungen und die
Orgel verrauscht war, an den alten Pastor hinangetreten,
um ihm die Hand zu drücken. Keiner. Das ist unsere
menschliche Feigheit.
Gebrochen wankte der Greis nach seinem Hause. Welche
Irrlehre hatte er denn verbreitet? Daß er nicht
genau am Buchstaben gehangen? Sein Haupt fiel ihm tief
auf die Brust. Die Schmach im Gotteshause war zu groß
gewesen. Was schoß ihm so kalt zu Herzen? Wollte
ihn der Schlag rühren?
Da stürmte plötzlich, schon hielt er die
Klinke seiner Haustür in der Hand, dieselbe Schar
wilder Gänse, von Nordosten nach Südwesten
fliegend, mit wildem Geschrei über ihn weg. Er
aber hob, wie in Dankbarkeit und als sei er befreit
von einem Banne, aufatmend sein Haupt in die Höhe.
Die wilden Gänse hatten ihm neue Kraft gegeben.
* *
*
Am Nachmittage desselben Tages standen auf einer Stelle
des Außendeiches der südlichst gelegnen Marschen
des langgestreckten Friesenlandes zwei Menschen. Ein
hochgewachsener fünfundzwanzigjähriger Mann
hatte seine rechte Hand um die Schulter eines Bauernmädchens
gelegt; sie stemmte ihre Hände wie abwehrend gegen
seine Brust und sah gerade vor sich hin, und ihre Blicke
hafteten verwundert, gefangen auf einem großen
Diamanten im Jabot des Kavaliers.
Auf den Deichen, in den Marschen, hart an der Nordsee,
lag der Winter warm und weich. Der Nebel bedeckte auch
hier Alles, daß kaum die nächsten ruhig und
regelmäßig plätschernden Wellen der
sanft und unmerklich steigenden Flut zu erkennen waren.
In den blauen Augen des jungen Mannes wechselte schwärmerische,
weltabgewandte Ruhe mit Ungeduld und ausgelassenster
Lebenslust.
Das Friesenmädchen hatte, wie es nicht zu selten
vorkommt in ihrem blonden Volke, braune Augen und war
von einer Schlankheit, als hätte ein Südwind
aus dem fernen Orientland sie auf die Flügel genommen
und an den rauhen Nordseestrand getragen. Doch die starken,
breiten und graden Schultern zeigten ihre friesische
Abkunft.
Sie liebte ihn nicht. Nur das goldgewirkte Schmeichelband,
daß ein in ihre Provinz als hoher Beamter verbannter
Prinz sie leidenschaftlich in seinen Armen hielt, hatte
sie umgarnt, und ein heimliches, sie berauschendes Gefühl
des Sieges tanzte ihr im Blute.
Was er zu ihr sprach, verstand sie nicht; wenn er ihr
heiße Liebesworte ins Ohr flüsterte, wenn
er sie küßte, wandte sich ihr Haupt zur Seite.
Und von Nordosten nach Südwesten fliegend, zog
unsichtbar im Nebel über sie weg dieselbe Schar
wilder Gänse, die am Morgen aus der in Eis sich
verwandeln wollenden Ostsee aufgebrochen war, um eine
wärmere und gastlichere Gegend zu suchen.
Der Prinz hob seine Stirn und schaute hinauf. Während
die Vögel schnatternd über sie weg hasteten,
erzählte er eine wunderbare Geschichte von Odin
und Walhalla, von Leben und Tod, vom rücksichtslosen
Kampf: zu atmen, Futter zu finden, gälte es, was
es gälte. Sie hörte ihm zu wie immer, ohne
ihn zu verstehen. Sie sah nur seine großen, schwärmerischen
blauen Augen, und ihre Lippen drängten sich zum
erstenmal durstig den seinen entgegen. Ihre erste, glühende,
verlangende Liebe war erwacht.
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